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Ein weiterer Schrottplatz der amerikanischen Geopolitik

31. August 2021
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Aus dem Hindukusch-Desaster des Westens ziehen auch hierzulande viele Beobachter endlich die lรคngst fรคlligen Konsequenzen. So konstatierte Markus Decker, Korrespondent des RedaktionsNetzwerks Deutschland (RND): โ€žEine Lehre ist gewiรŸ, die militรคrischen und politischen Grenzen von Auslandseinsรคtzen anzuerkennen. Ein zweites Afghanistan โ€“ darรผber sollte Einigkeit herrschen โ€“ darf es nicht geben.“

Die deutlichsten Worte fand Armin Laschet. Der ungeliebte Kanzlerkandidat der Union beklagte โ€ždas grรถรŸte Debakel, das die Nato seit ihrer Grรผndung erlebt hat“. Das Konzept des nation building, des militรคrischen Eingreifens, um eine Diktatur zu beenden und eine Demokratie aufzubauen, sei in den letzten zwanzig Jahren โ€žfast durchgรคngig gescheitert“.

Die kalte Arroganz der Macht

Zehn Minuten nach Beginn ihrer Regierungserklรคrung am 25. August erlaubte sich Kanzlerin Angela Merkel folgende, wie sie sich ausdrรผckte, โ€žzugespitzte persรถnliche Anmerkung“: โ€žHinterher, im Nachhinein alles genau zu wissen und exakt vorherzusehen โ€“ das ist relativ mรผhelos.“ Doch dann formulierte sie selbst โ€žkritische Fragen“, die sich alle Verantwortlichen schon vor Jahren hรคtten stellen mรผssen: Kamen die Ziele des Einsatzes wirklich bei der Mehrheit der Menschen in Afghanistan an? Hรคtten die groรŸen kulturellen Unterschiede stรคrker gewichtet werden mรผssen? Wurde das MaรŸ der Korruption unterschรคtzt?

Kein Zweifel: Ursache der schmรคhlichen Niederlage sind Ignoranz und Arroganz des Westens, der mit seinen โ€žWerten“ alle Welt beglรผcken mรถchte. Hierbei stehen die USA stets an vorderster Front. Schon damals klang wie Hohn, was AuรŸenministerin Hillary Clinton im Februar 2010 anlรครŸlich der Mรผnchner Sicherheitskonferenz verkรผndete: โ€žWir werden unseren Grundsรคtzen treu bleiben. Der erste dieser Grundsรคtze: Respekt vor der Souverรคnitรคt und territorialen Integritรคt aller Staaten.“

In Wahrheit haben die USA bei der Durchsetzung ihrer nationalen Interessen noch nie Skrupel gehabt, sich รผber vรถlkerrechtliche Prinzipien hinwegzusetzen. Unter dem Banner von โ€žFreiheit und Demokratie“ verfolgen sie seit der Unabhรคngigkeit vor fast 250 Jahren ihre globalen Ziele, die sie zu Interessen der gesamten Menschheit erklรคren. In deren Namen betreiben sie als โ€žunverzichtbare Nation“ (Madeleine Albright) eine angemaรŸte Weltmission.

Kein Interesse an McDonalds

Die Vereinigten Staaten seien am Hindukusch gescheitert, โ€žweil die amerikanische Gesellschaft Afghanistan verachtetโ€œ, zitierte die Sรผddeutsche Zeitung am 26. August Jeffrey Sachs, Wirtschaftsprofessor der New Yorker Columbia University. Weder die Eliten noch die ร–ffentlichkeit hรคtten sich fรผr das Land interessiert: โ€žDie Afghanen spรผrten zutreffend, daรŸ die Amerikaner nicht wegen afghanischer Interessen im Land waren, sondern wegen ihrer eigenen.“

Sachs, der SZ zufolge einer der fรผhrenden Experten der Welt fรผr Entwicklungspolitik und Armutsbekรคmpfung, resรผmierte, gescheitert sei einmal mehr โ€ždie amerikanische Kultur und deren fehlendes Interesse, andere Gesellschaften zu verstehen“. Arme Lรคnder, so Sachs, brauchten durchaus Hilfe beim Aufbau staatlicher Institutionen, aber nicht durch Militรคreinsรคtze, sondern รผber die Vereinten Nationen, รผber Entwicklungsbanken, die Weltbank oder den Internationalen Wรคhrungsfonds.

Zieht man die Bilanz des nation building unter amerikanischer Militรคrbesatzung, bleiben als Erfolge seit 1945 nur Deutschland und Japan โ€“ zwei Staaten, die im Zweiten Weltkrieg besiegt und zu prosperierenden Demokratien entwickelt wurden. Der Vietnamkrieg hingegen endete 1975 mit einer demรผtigenden Niederlage, der Einsatz in Somalia (1992) scheiterte ebenso wie die Kriege im Irak und die Interventionen in Libyen und Syrien.

Mehr als ein neuer Popstar?

Doch noch sind die Menschenrechts-Bellizisten nicht verstummt. Mit Sympathie portrรคtierte die SZ dieser Tage Ahmad Massoud als โ€žGalionsfigur im Widerstand gegen die Taliban“. Es handelt sich um den Sohn des legendรคren โ€žLรถwen vom Pandschir“, des in vielen afghanischen Provinzen noch immer verehrten Kรคmpfers gegen die Sowjetarmee. Wie einst sein Vater hat sich auch Ahmad Massoud ins Pandschir-Tal zurรผckgezogen und will von dort aus den Kampf aufnehmen als, so die SZ, โ€žVerteidiger westlicher Werte, der Freiheit des Einzelnen, der Rechte der Frauen“. Fรผr diesen Kampf bitte der junge Massoud um Geld, Waffen und moralische Unterstรผtzung.

Wรคhrend die USA und ihre Verbรผndeten einmal mehr Opfer der eigenen Verblendung geworden sind, zahlen sich fรผr China Realismus und nรผchterner Pragmatismus aus: Bereits Ende Juli, als mehr als die Hรคlfte Afghanistans unter Kontrolle der Islamisten stand, lud AuรŸenminister Wang Yi eine neunkรถpfige Taliban-Gruppe, angefรผhrt von Vizechef Mullah Abdul Ghani Baradar, nach Tianjin ein. Wang versprach ihnen Hilfe bei der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung und hoffte auf die Bildung einer โ€žoffenen, inklusiven und reprรคsentativen Regierung“.

Auch Pekings wichtigste auรŸenpolitische Doktrin, die Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten anderer Staaten, trรคgt Frรผchte: Mullah Baradar sicherte Wang zu, niemals Krรคfte in Afghanistan zuzulassen, die gegen die Interessen der Volksrepublik handeln. Dies zielt auf Pekings Befรผrchtung, die islamistische Gewalt kรถnnte รผber die 76 Kilometer lange Grenze nach China schwappen. Nach blutigen Anschlรคgen im eigenen Land, die zwischen 1997 und 2015 mehr als 430 Todesopfer forderten, hat Peking den Kampf gegen die โ€ždrei bรถsen Krรคfte“ ausgerufen โ€“ gegen Separatismus, religiรถsen Extremismus und Terrorismus. Viele muslimische Untergrundkรคmpfer, die in Chinas nordwestlicher Provinz Xinjiang einen unabhรคngigen โ€žGottesstaat“ der Uiguren anstreben, sollen in Afghanistan Unterschlupf gefunden haben.

China steht schon vor der Tรผr

Der รผberstรผrzte Abzug der US-Truppen kommt Peking somit hรถchst ungelegen. AuรŸenminister Wang Yi rief seinen Amtskollegen Antony Blinken auf, sich im Weltsicherheitsrat gemeinsam dafรผr einzusetzen, Afghanistan vor einem neuen Bรผrgerkrieg, vor einer humanitรคren Katastrophe und vor einem Rรผckzugsgebiet fรผr Terroristen zu bewahren.

Nicht zuletzt geht es Peking auch um wirtschaftliche Interessen. SchlieรŸlich liegen mehrere Kooperationsprojekte im Nachbarland wegen der jahrelangen Instabilitรคt brach โ€“ so ein Vertrag zur ErschlieรŸung der ร–lfelder Faryab und Sar-i-Pul. Die Firma PetroChina erhielt 2011 fรผr 400 Millionen Dollar den Zuschlag und unterzeichnete fรผr die Bohrungen einen auf 25 Jahre laufenden Vertrag. Durch islamistische Anschlรคge kรถnnte auch das von Staats- und Parteichef Xi Jinping initiierte Investitionsprojekt โ€žNeue SeidenstraรŸe“ gefรคhrdet werden; die StraรŸe verlรคuft durch Zentralasien und soll der Volksrepublik in Pakistan den Zugang zum Indischen Ozean sichern.

Aus geopolitischer Sicht dรผrfte fรผr den Westen eine Allianz aus China, RuรŸland und einem antiamerikanischen Zentralasien, zu dem sich auch der Iran gesellt, fรผr die nรคchsten Jahrzehnte das schlimmste Szenario sein, das sich denken lรครŸt. Da es Washingtons vorrangiges Ziel ist, China, die zweitgrรถรŸte Wirtschaftsmacht, am weiteren Aufstieg zu hindern, stellte Wang Yi am 26. Juli in Tianjin โ€“ pikanterweise zwei Tage vor seinem Treffen mit der Delegation der Taliban โ€“ der amerikanischen Vize-AuรŸenministerin Wendy Ruth Sherman drei Forderungen:

1.) Die USA dรผrfen den โ€žSozialismus chinesischer Prรคgung“ nicht in Frage stellen; Chinas Weg und System seien die Wahl der Geschichte und des Volkes.

2.) Die USA dรผrfen nicht versuchen, Chinas EntwicklungsprozeรŸ zu behindern. Alle einseitigen Sanktionen und technologischen Blockaden mรผรŸten aufgehoben werden.

3.) Die USA dรผrfen weder Chinas Souverรคnitรคt noch dessen territoriale Integritรคt verletzen. Bei Xinjiang, Tibet und Hongkong gehe es nicht um Menschenrechte und Demokratie, sondern um Chinas Souverรคnitรคt und Sicherheit. Schlรผsselfrage sei Taiwan. An der Tatsache, daรŸ die Insel ein Teil Chinas sei, habe sich nichts geรคndert; die USA mรผรŸten daher ihre diesbezรผglichen Versprechen einhalten.

Schon heute zeichnet sich jedoch ab, daรŸ die Thukydides-Falle wohl ein weiteres Mal zuschnappen wird. Vor 2.400 Jahren hatte der griechische Historiker als geopolitische GesetzmรครŸigkeit konstatiert, eine aufsteigende Macht werde unvermeidlich in Konflikt mit der etablierten Vormacht geraten. Fรผr Thukydides war der 27 Jahre dauernde Peloponnesische Krieg zwischen Sparta und dem aufstrebenden Athen (431-404 v. Chr.) ein Musterbeispiel fรผr das sich ewig wiederholende Spiel der groรŸen Antinomien: Aus dem Vergangenen, schreibt er in der Einleitung zu seinem grandiosen Werk, kรถnne man klar erkennen, โ€ždaรŸ auch das Zukรผnftige wegen der menschlichen Natur gleich oder รคhnlich geschehen wird“.

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