Von Ferdinand Vogel
Die Geschwindigkeit, mit der die Afghanische Armee und Polizei kollabierten, konnte eigentlich nur Berufspolitiker, Elfenbeinturmbewohner, Spiegel-Leser und Freunde des Feuilleton der ZEIT ernsthaft รผberraschen. Oder all jene Staatsdiener, die zu lange in den Bรผrorรคumen staubiger Ministerien verbracht haben und mehr Interesse am Fortschritt ihrer eigenen Karriere, als an der Realitรคt โon the groundโ haben.
Im Kreise altgedienter Veteranen des Afghanistankrieges รผberraschte der Zusammenbruch des Staatskonstruktes in Afghanistan eigentlich niemanden. Nicht einmal die Geschwindigkeit ist sonderlich erstaunlich. Bereits nach dem Fall von Masar-e-Scharif, wo die Bundeswehr gut 20 Jahre stationiert war, hรคtte vielen klar sein mรผssen, dass der Widerstand der ANA und ANP quasi nicht vorhanden ist.
Der Islam auf dem Vormarsch, der Westen am Boden
In Herat und anderen Stรคdten ereignete sich nahezu zeitgleich das selbe Schauspiel. Einige gut informierte Journalisten und Ex-Soldaten, die das Land akribisch beobachten, weil sie von ihrem Traum nicht loslassen kรถnnen, haben schnell erkannt, dass die Taliban einfach nur mit Mopeds und Toyotas von Stadt zu Stadt fahren, die Fahne des siegreichen Islam schwenken und grรถรtenteils verlassene Posten der Verteidiger vorfinden, in die die internationale Gemeinschaft der NATO und Co. Geld, Blut und Zeit investiert hat. Und davon nicht zu wenig.
Die lange in der Luft hรคngenden Warnungen von Journalisten wie Peter Scholl Latour und etlichen anderen, die das Land kennen, wurden von der auf โNation-Buildingโ ausgerichteten Westallianz, bestehend aus NATO und Anhรคngseln, in den Wind geschlagen. Der Friedhof der Imperien, wie Afghanistan auch genannt wird, macht seinem Namen erneut alle Ehre und kรถnnte auch zum Friedhof der USA und NATO werden. Denn die Nachwirkungen dieser epochalen Niederlage, die sehr an Vietnam erinnert, werden die nรคchsten Jahrzehnte der Weltpolitik prรคgen. Man sollte nicht dem Trugschluss erliegen, dass es sich hier um ein kleines Scharmรผtzel am Hindukusch handelt.
Afghanistan ist einer von vielen Versuchen gewesen das US-amerikanische Wertemodell, inspiriert von UN-Chartas und europรคischen Wertehumanismus, zu exportieren und Nationen von Grund auf neu zu errichten. Was im Irak bereits รคhnlich desastrรถs endete und den Aufstieg des IS beflรผgelte, wird nun auch in Afghanistan eine neue รra einlรคuten. Der Mythos der Unbesiegbaren Taliban, des unbezรคhmbaren Afghanistans und der gedemรผtigten USA, wird Konfliktherde auf der ganzen Welt neu entbrennen lassen.
Die Tage im August 2021 sind Tage des Sieges fรผr den globalen, politischen Islam, der nun neuen Aufwind bekommen wird. Auch China und Russland als Groรmรคchte im Konflikt mit dem Westen, werden geopolitische Nutznieรer dieser Niederlage der NATO sein, die vielleicht ein Sargnagel fรผr das Atlantikbรผndnis sein kรถnnte.
Auch im Osten sieht man jetzt: Auf die NATO ist kein Verlass
Wie Reuters berichtet, รคuรerte sich der Prรคsident Tschechiens nach der Flucht aus Kabul sehr negativ รผber die NATO und zog ihre Existenzberechtigung offiziell in Zweifel: „The distrust towards NATO from a number of member countries will grow after this experience, because they will say – if you failed in Afghanistan, where is a guarantee that you won’t fail in any other critical situation?“
Zeman said in an interview published by www.parlamentnilisty.cz on Tuesday, a website favoured by the president for airing his views. „Now that investing in NATO is kind of wasting money, our defence spending should focus on national defence, on national (military) procurement,“ Zeman said.
Zeman spricht aus, was viele Strategen und Politiker vor allem in Osteuropa befรผrchten. Denn wenn die NATO derart schlecht bei einem nur sehr lokalen Kleinkrieg im Nirgendwo abschneidet, kรถnnte die gesamte Strategie Polens und der baltischen Lรคnder auf tรถnernen Fรผรen stehen. Diese haben begrรผndete Angst vor einer Eskalation mit der Russischen Fรถderation nach dem Muster Ukraine.
Vor allem fรผr die Balten mit ihren vielen russischen Einwohnern in den eigenen Staatsgebieten, ist die Gefahr einer fรผnften Kolonnen einigermaรen real. In den letzten Jahren hat man die Nรคhe zur NATO gesucht und das Bรผndnis gestรคrkt, um gegen etwaige mรถgliche russischen Expansionsversuche gewappnet zu sein. Dass diese kommen kรถnnten, auch am anderen Ende der Welt im sรผdchinesischen Meer beispielsweise, dรผrfte nicht von der Hand zu weisen sein. Denn ein verwundeter Bรผffel zieht die Tiger an, wie es dort in der Region heiรt.
Bilder mit Sprengkraft
Die Schwรคche der NATO und der atlantisch-europรคischen Restzivilisation im Westen wird zu groรen Verwerfungen fรผhren. Sollte die NATO bei einem etwaigen Grenzkonflikt in Osteuropa erneut eine schlechte Figur abgeben, wรผrde es die Allianz wohl endgรผltig beerdigen. Die Osteuropรคer wรผrden sich neue Verbรผndete suchen mรผssen.
In deutschen Redaktionsstรผbchen schreibt man nun gegen den Abgesang auf die US-Hegemonie und fรผr eine noch stรคrkeres Bekenntnis zur NATO. Aber die inneren Konflikte in den USA und Westeuropa, die ethnischen Unruhen, islamische Unterwanderung und immer grรถรere soziale Ungleichheit, zermahlen die Fundamente eines Machtblocks, der wahrscheinlich noch in dieser Jahrhunderthรคlfte zerbrรถseln wird. Ein freiheitlicher, europรคischer Nordwesten (auf der Erdkugel) ist dennoch mรถglich. Schlieรlich bringt jeder Zusammenbruch auch neue Chancen.

