Eigenverantwortung - Was der Pöbel nicht kann

Rar geworden ist das Verständnis der Menschen für die Notwendigkeit Eigenverantwortung zu übernehmen. Nur zu gerne treten sie diese an höhere Instanzen ab. Von Alexander Kirton

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Rar geworden ist das Verständnis der Menschen für die Notwendigkeit Eigenverantwortung zu übernehmen. Nur zu gerne treten sie diese an höhere Instanzen ab und nur zu gerne geben sie sich der Verlockung des betreuten Denkens hin.

Dort nun, im Zustand der Unmündigkeit, lamentieren sie Tag ein Tag aus über vermeintliche Ungerechtigkeiten - primär über die nicht entgegengebrachte Wertschätzung ihrer schwachen Geister. Jeder ist schuld an ihrer jämmerlichen Existenz als Teil der Monotonie des heulenden Pöbels. Jeder ist schuld, nur sie sind frei von dieser. Wer den Pöbel nicht kontinuierlich mit Gefälligkeiten, mit Wohlwollen und schmeichelnden Worten überschüttet, verletzt die Gefühle seiner hochherrschaftlichen Heulbojen und begibt sich dementsprechend selbst auf dünnes Eis. ,,Warum klatschet Ihr nicht? Liegt dies an meiner Hautfarbe, an meiner Sexualität, an meinem Geschlecht? Rassist! Sexist! Nazi!" Nie aber kann dies an ihrer tatsächlichen Inkompetenz liegen, Ziele durch Fleiß und Willensstärke zu erreichen. ,,Nur weil ich dies bin, nur weil ich jenes bin..." Nein mein Lieber, weil Du faul und feige bist!

Eigenverantwortung zu übernehmen, ist die Essenz des Mutes, sich des eigenen Verstandes zu bedienen und dieser ist wiederum die Essenz der Eigenverantwortung. Doch weswegen Eigenverantwortung übernehmen, wenn man doch bequem im Schutze der Masse wie in Mutters Armen verweilen und sich wiegen lassen kann? Warum schlimmstenfalls gegen die Masse aufbegehren, wenn man im Schutz ihrer zahlenmäßigen Überlegenheit stets im Recht zu sein scheint?

Warum? Weil nur wer denkt, auch ist!

Eigenverantwortung macht den Wurm zum Menschen, den Knecht zum Meister, den Sklaven zum Herren. Das eigene Scheitern auf sekundäre und auf im Hier und Jetzt keineswegs ausschlaggebende Kriterien zu schieben (Hautfarbe, Sexualität, etc.) und zukünftiges Scheitern mit jenen Kriterien zu entschuldigen, ist das Handeln der Schwachen. Es ist das Handeln jener, welche gerne von Freiheit, von Individualismus schwärmen, doch diese mehr als alles andere auf der Welt fürchten. Es ist der Schlachtruf der Verlierer.

Frei ist, wer über sich selbst bestimmt. Frei ist, wer für sich selbst verantwortlich ist.


Der amerikanische Psychologe Jordan Peterson sprach in einer Fernsehsendung von der Notwendigkeit, das eigene Zimmer aufzuräumen, bevor man zu Taten, wie der globalen Umstrukturierung schreitet. Dass diese Erkenntnis vielen, überwiegend linksorientierten Anhängern der Abgabe von Verantwortung übel aufstieß, sollte nicht verwundern, so sind gerne mal sie es, die sich hinter der Präsenz sozialstaatlicher Fürsorge verstecken, während sie belustigenderweise große Reden darüber halten, wie ungerecht die Gesellschaft ist, in der sie leben, wie die Welt zu sein hat und wie Kinder flennen, wenn ihre Blase utopischer Fantasien vom spitzen Dolch der Realität zum Platzen gebracht wird. Peterson bezeichnete eben dieses Verhalten des zurschaugestellten, scheinbar großen Denkens auf meist kosmopolitischer Ebene als eine Art der Selbstbeweihräucherung vor Freunden und Bekannten, wohl wissend, dass in den Zimmern der moralistischen Elite oftmals eine Unordnung animalischen Ausmaßes herrscht. Doch auch für den Saustall im eigenen Gefilde lassen sich Schuldige finden. Warum nicht mal wieder das Komitee alter, weißer Männer beschuldigen?

Dass es jedoch eine Frage von Willenskraft, Disziplin, Fleiß und harter Arbeit ist, die Flamme der Veränderung, das Feuer der Revolution zu entfachen, scheinen sie nicht verstanden zu haben. Schnell beruft man sich auf den eigenen, unglaublich praktischen Minderheitenstatus - sei dieser nun ethnischer, geschlechtlicher, sexueller oder religiöser Natur -, um bloß nicht einen einzigen Finger krümmen zu müssen, schließlich sei der Kampf ohnehin aussichtslos. (,,Danke Du uns knechtendes Patriarchat! Wegen Dir kann ich nichts erreichen und muss mir erstmal einen durchziehen!") Kritik an der eigenen Person lässt sich nun auf den eigenen Minderheitenstatus abwälzen. Wahrlich mutig scheint es geworden zu sein, sich einer Minderheit zu verschreiben, wenn diese ohnehin nichts zu befürchten hat.

Gekämpft wird zwar, doch handelt es sich hierbei nur um die Legitimation, sich weiterhin als (vermeintlich) unterdrückte Minderheit bezeichnen zu dürfen. Gekämpft wird, um sich selbst und anderen einzureden, man habe nun wahrlich eine Ruhmestat vollbracht, bestenfalls gefolgt von niemals endenden Moralpredigten und der öffentlichen Anprangerung derer, die nicht laut genug dem Helden Beifall geklatscht haben. Wo keine Bedrohung herrscht, muss man sich eine solche erdenken und sich deren Existenz nur häufig genug einreden, bis man beginnt, dem eigenen Unfug Glauben zu schenken.

Nein, Eigenverantwortung zu übernehmen sieht anders aus. Eigenverantwortung zu übernehmen geht einher mit dem Prozess der Selbstreflexion und bestenfalls auch mit dem Streben nach Selbstoptimierung. ,,Warum habe ich Erfolg? Was muss ich an mir ändern oder aufrechterhalten, um auch weiterhin Erfolg zu haben?" Dies sind Fragen, die wir uns nach dem Aufräumen unserer Zimmer zu stellen haben, nicht aber: ,,Wen kann ich für mein eigenes Scheitern verantwortlich machen?"

Geht es Dir schlecht, so frage Dich, wie Du den Soll- zum Ist-Zustand werden lassen kannst. Sei Dir bewusst, dass auf Aktionen Reaktionen folgen und lerne mit den Konsequenzen Deines Handelns umzugehen, wenn Du mit diesen nicht leben möchtest. Lerne Gefahren abzuwägen, Schutzmaßnahmen zu treffen, Dich abzusichern. Zeige Biss, zeige Fleiß und Durchhaltevermögen und suche die Gründe des Scheiterns Deiner Taten vorerst bei Dir. Dass dies oftmals leichter gesagt ist als getan, zeigt unsere Politik. Hier hat man den Sündenbock für das eigene Versagen gefunden - dieser gründete sich 2013 und so sehr die Altparteien vorgeben ihn zu hassen, so froh sind sie, ihn zu haben. Er ist der "alte, weiße Mann" im Bundestag.

Wie bereits am Anfang des Textes gesagt, ist es rar geworden, dass Menschen den Schneid besitzen, Eigenverantwortung zu übernehmen, obgleich es gerade dies ist, das uns zu eigenständigen Akteuren, zu Anti-NPCs emporsteigen lässt. Doch gerade hier im Bereich des freien Handelns scheint der Mensch an einer immensen Höhenangst zu leiden, weswegen er lieber sein Dasein als geistiger Bodensatz fristet, bis der Schnitter ihn erlöst.