Kunst oder Propaganda

Unser Autor Hubert Döring fragt sich bei einem Besuch im Käthe-Kollwitz-Museum in Berlin, ob die mannigfache Zurschaustellung der eigenen Meinung noch als Kunst durchgeht oder man diese Form der Exhibition nicht besser als Propaganda bezeichnen sollte.

propaganda.jpg

Ich werde es wohl nicht schaffen, irgendwann einmal alle Museen der großen Stadt besucht zu haben. Manche Ausstellungen begeistern mich, für andere lohnt sich der Eintrittspreis kaum. Bei wieder anderen ärgert man sich darüber, überhaupt einen Obolus entrichtet zu haben. Aber so ist es eben: der Kauf einer Karte für das Stadion garantiert auch kein gutes Fußballspiel.

Kunst kann – oder soll für mich, gute Unterhaltung sein, den Tag bereichern. Jetzt frage ich mich, was mich eigentlich heute ins Käthe-Kollwitz-Museum in der Fasanenstraße zog? Ich kannte ja schließlich ein paar Sachen von ihr!

Die Ausstellungsmacher entblödeten sich dort nicht, schon in die Handzettel zur Ausstellungsbeschreibung zu drucken, dass Käthe Kollwitz einzigartige Kunstwerke gegen Krieg und soziale Ungerechtigkeit schuf. Gegen? Handelt es sich denn dann noch um Kunst, wenn man für oder gegen etwas ist? Ich dachte immer, dass wäre dann Propaganda?

Endlos war die Zahl von Kollwitz Selbstporträts. Dann hungernde Kinder, ein wenig was über den toten Karl Liebknecht. Der Tod greift nach Kindern, Bauernkrieg und Weberaufstand, „Zertretene“ und nochmals Krieg, schützende Mütter, Abschied und der „Tod wird als Freund erkannt“. Plakate mit Parolen wie „Nie wieder Krieg“, „Krieg dem Kriege!“.

Agitation durch per Holzschnitt hergestellte Plakate, mit Parolen die nicht mehr als drei Wörter umfassen, kann, man nehme es wörtlich, holzschnittartig wirken - grob geschnitzt, dümmlich. Einfache Plakatparolen beinhalten die Arroganz der Macher mit der sie unterstellen, dass ein kurzer Spruch zur Beeinflussung der Adressaten ausreicht!

Wo sind die Fragen, die Kollwitz hätte stellen können - wenn sie denn eine Künstlerin gewesen wäre?

Wenn man unterstellt – und ich denke das kann man, dass sich kein normaler Mensch einen Krieg wünscht, dann muss man sich doch fragen, warum es Kriege gibt. Was macht einen Krieg notwendig? Welche Werte muss, darf, soll, oder kann man mit der Waffe verteidigen? Vermögenswerte? Ländereien? Menschenrechte? Auf was soll, muss, ein Mensch verzichten können? Was rechtfertigt einen, oder keinen, Waffengang? Wie verschieden werden mögliche Gründe von unterschiedlichen Menschen gewichtet? Es hätte eine Menge Fragen gegeben…

Ich habe versucht, Kollwitz Handwerkskunst von den Inhalten zu trennen. Sie bediente sich unterschiedlichster Drucktechniken, schuf Lithographien, Radierungen, Holzschnitte. Sie war, nach meinem Empfinden, eine gute Zeichnerin. Manchmal ist es ja so, dass man, wenn man inhaltlich mit einer Sache nichts anzufangen weiß, sein Gefühl für Ästhetik noch mal danach befragt, ob es sich vielleicht um hübsche Dekoration handelt – aber hier, in diesem Museum, griff nicht mal das. Das offensichtliche politische Ansinnen überwucherte in mir alles, was einen Kunstgenuss möglich macht.

Biografisches bekam man, in Schriftform, auch immer wieder vor die Augen geklatscht. Die Arbeit ihres Mannes als Arzt für die Armen, den Tod des Sohnes im ersten- und den Tod des Enkels im zweiten Weltkrieg. Ein klein wenig Verfolgung durch das Naziregime, die Benennung eines Platzes in Ostberlin nach ihr, schon 1947. Soziales, besser sozialistisches, Vorbild? Oder besser Salonsozialistin mit heimeliger Wohnstatt, die von der eigenen Professur – und dem Einkommen ihres Mannes, komfortabel leben konnte?

Im Dachgeschoss standen einige Bronzegüsse von Kollwitzschen Entwürfen. Die waren teils erst 1986, über vierzig Jahre nach Kollwitz Tod gefertigt. Irgendwie wunderte mich das nicht. In den Achtzigern gab es ja schon genug friedensbewegte, gute, Menschen, die den Sozialismus nicht schlimm fanden – und Kollwitz als Dekorateurin für ihre Betroffenheitsbefindlichkeiten brauchten.

Ein Gefühl der Unfreiheit, dass Gefühl dahingehend gegängelt zu werden, ein ganz bestimmtes – und auch noch recht unreflektiertes Weltbild übernehmen zu sollen, machte das Klima in den Ausstellungsräumen für mich unerträglich. Ich kann oft Stunden in einem Museum – oder gar vor einem Bild verbringen. Aus dem Kollwitz Museum ging ich aber schnell wieder hinaus. Ich hatte keine Lust dazu, mir mit einer toten Frau deren Depressionen zu teilen.

Hätte ich die Eintrittskarte im Internet gekauft, dann wäre sicher auf dem Bildschirm der Hinweis aufgetaucht: Wer sich für dieses Museum interessiert, der interessiert sich auch für: Holocaustmahnmal.

Draußen war die Luft un-, oder höchstens von Feinstaub belastet.