Christentum, Spiritualität und Patriotismus - Was bedarf es, um Europa zu bewahren?

Brauchen wir das Christentum als identitätsstiftendes Element? Bedarf es eines neuen spirituellen Aufbruchs, um die technokratischen Gesellschaften des Westens noch zu retten? Unser neuer Autor Alexander Kirton widmet sich dieser entscheidenden Frage und schildert seine Sicht der Dinge.

Mont-Saint-Michel ist eine ehemalige Benediktiner-   Abtei    im Nordosten    Frankreich

Mont-Saint-Michel ist eine ehemalige Benediktiner-Abtei im Nordosten Frankreich

Ist es von Nöten, in Europa zurück zum Christentum zu finden, um die eigene Identität zu bewahren? Diese Frage stammt nicht von mir, sondern von einem älteren Herrn, welcher eben diese an den Referenten des heutigen Vortrages im Hamburger Rathaus stellte.
Die daraufhin gegebene Antwort kann man mit einem ,,schwierig zu sagen", bzw. mit einem ,,mit der Beantwortung dieser Frage können wir den Abend füllen" zusammengefasst werden.

Nun liegt es nicht in meinem Interesse, eine absolute Antwort auf diese Frage zu geben, wohl wissend, dass sich beim Thema Religion ohnehin die Geister scheiden und es letztendlich keine absolute Antwort geben kann. Nichtsdestotrotz möchte ich dem Leser mit dem folgenden Text eine Möglichkeit aufzeigen, dem "Problem" auf den Zahn zu fühlen.

Wie bereits in einem früheren Text erwähnt, erachte ich Religion - unabhängig davon welche - als eine identitätsstiftende Angelegenheit und als ein Gegenkonzept zu der wahrlich seelenlosen Erlebnisgesellschaft, wie sie der Soziologe Gerhard Schulze ausführlich zu beschreiben wusste.

Nun muss ich jedoch so ehrlich sein und gestehen, weder selbst an Gott zu glauben, noch jemals die Bibel komplett gelesen zu haben. Dies heißt jedoch keineswegs, ich sei ein Atheist, oder gar, ich würde mich dem Metaphysischen verschließen. Überzeugt bin ich vom Leben nach dem Tod in den Erinnerungen meiner Nachwelt, meiner Kinder und Kindeskinder. Letztendlich ist diese Überzeugung der Antrieb meiner Handelns.

Meines Erachtens bedarf es nicht des Glaubens an einen Gott, um den Menschen ein spirituelles Fundament zu bieten. Vielmehr bedarf es einer Sensibilisierung vor dem Eigenen. Kultur ist eine Weitergabe von Erinnerungen. In ihr leben jene weiter, welche ihren Beitrag zur Erhaltung dieser geleistet haben - sei es durch das Malen, das Schreiben, das Erzählen oder durch ihre Opferbereitschaft. Zu vergessen, zu verdrängen, zu leugnen hingegen, ist kulturlos. Wer die Existenz unserer Kultur leugnet, beschreibt keineswegs das Tatsächliche, sondern eher die eigene Inkompetenz, einen Beitrag zum Erhalt dieser leisten zu können.

Das Christentum - um zur eigentlichen Leitfrage zurück zu kommen - ist ein wichtiger Bestandteil der europäischen Identität und somit auch ein ausschlaggebender Teil des europäischen Wertesystems. Wir Europäer sind Kulturchristen, wenn es einen solchen Begriff überhaupt gibt. Viele große Persönlichkeiten, die ihren Teil dazu beitrugen, Europa zu dem zu machen, was wir lieben und bewahren wollen, waren gläubige Christen und ihr Handeln durch die christliche Lehre geprägt. Durch sie wurde der christliche Aspekt in die europäische Identität integriert und letztendlich manifestiert.

Doch ist es nun wichtig, zurück zu Gott zu finden, um sich nicht im Reize des Konsums zu verlieren?

Dies bezweifle ich stark. Ich bestreite nicht, dass der Glaube an Gott dazu motivieren kann, Europas „kulturchristliches" Erbe zu erhalten. Ich bestreite nicht, dass der Glaube an  Gott sehr wohl bestärkend wirken kann. Doch erachte ich den Glauben an Europa, an die europäische Identität und an den Wert und die Schönheit dieser, als ausschlaggebend.

Spiritualität ist sicherlich eine sehr gute Alternative zum modernen Tummeln im Belanglosen, doch muss diese meines Erachtens nicht zwangsläufig mit dem Glauben an Gott einhergehen. Der Glaube an das Fortleben im Geiste unseres Erbes scheint mir, im Bezug auf den Erhalt dessen, lukrativer und motivierender als der Glaube an ein Leben im Himmel. Doch wie bereits oben erwähnt: Hier scheiden sich die Geister...

Letztendlich ist jeder Patriot ein Idealist und zugleich jemand, der an ein höheres Ziel glaubt. Für die Heimat zu sein, bedeutet, diese beschützen und bewahren zu wollen. So scheint mir, dass Patriotismus und Spiritualität unzertrennlich sind. Vielleicht erübrigt sich somit bereits die Frage nach der Notwendigkeit des Glaubens, bzw. der Spiritualität. Vielleicht lässt sich die Frage tatsächlich mit einem ,,ja" beantworten...