Frugalismus - Reichtum durch Askese

 

Endlich raus aus dem Hamsterrad und dem Chef die Akten auf den Schreibtisch knallen! Finanzielle Freiheit durch Verzicht und Sparsamkeit. Frugalismus nennt sich der neue Trend aus den USA, der auch hierzulande immer mehr Anhänger findet. Unsinnige Mode oder Konzept der Zukunft?

 
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In unserer Reihe „Investieren für Dummies“ haben wir bisher verschiedene Anlagemöglichkeiten, oder wie Kritiker anmerken würden „Spekulationsgelegenheiten“, vorgestellt. Diesmal widmen wir uns einer bestimmten Anlagephilosophie, die vor allem während der letzten Jahre populär geworden ist und, wie kann es anders sein, aus den USA herübergeschwappt ist. Die Rede ist vom sogenannten Frugalismus. Keine Angst, falls ihr jetzt an radikale Nahrungseinschränkung denkt, es geht nicht um Frutarier. Das sind die Leute, die sich ausschließlich von den „freiwilligen“ Abfällen der Bäume ernähren und spätestens mit Mitte 30 wegen Vitaminmangels ins Krankenhaus eingeliefert werden. Manchen Frugalisten dürfte zwar ein ähnliches Schicksal zuteilwerden, allerdings aus anderen Gründen. Frugalismus leitet sich von frugalis (lat. ordentlich, bieder, wirtschaftlich) ab und hat seinen Weg über das französische frugal in die deutsche Sprache gefunden. Wenn euer Opa also das nächste Mal etwas als frugal bezeichnet, könnt ihr ganz unbescheiden mit eurem neuen Wissen prahlen. Einer der bekanntesten Frugalisten in Deutschland ist der 29-jährige Webgestalter Oliver Noelting. Er selbst charakterisiert Frugalisten in einem Interview mit der Wirtschaftswoche folgendermaßen:

 
 
Frugalisten sind Menschen, die aus dem Hamsterrad der Arbeitswelt ausbrechen wollen. Die Bewegung kommt aus den USA. Da gibt es mehrere tausend Menschen, die sich damit beschäftigen, wie sie möglichst früh finanziell unabhängig von ihrem Einkommen werden, also nur noch von ihrem angesparten Vermögen leben. In Europa ist die Bewegung noch recht klein. Aber auch hier finden sich immer mehr Menschen, die nicht arbeiten wollen, bis sie 67 Jahre alt sind.
 
 

Ein Frugalist ist also jemand, der sich die möglichst frühe finanzielle Unabhängigkeit zum Ziel gesetzt hat. Das „gewöhnliche Erwerbsleben“ ist für die meisten Frugalisten negativ besetzt, weshalb die vollständige Abkopplung von Erwerbstätigkeit das wichtigste Ziel darstellt. Es geht darum so schnell wie möglich dauerhaft vom selbst erarbeiteten „Renteneinkommen“ leben zu können. Völlig neu ist das Konzept des Frugalismus jedoch nicht. Schon Ernst Georg Jünger, der Vater Ernst Jüngers, hatte sich zum Ziel gesetzt mit 40 Jahren so weit unabhängig zu sein, „dass er allein von seinem Kapital leben und seinen Neigungen nachgehen könne“. Und es ließen sich sicher noch viele weitere prominente Beispiele der Weltgeschichte zeigen, die wir im Nachhinein als Frugalisten bezeichnen könnten.

 

Auch die berüchtigte „schwäbische Hausfrau“ kann sicher als Vorläufer betrachtet werden, allerdings kommt diese Begrifflichkeit nicht aus den USA und musste daher wohl mangels „Coolness-Faktor“ im weltweiten Popularitätswettbewerb dem Frugalismus den Vorsprung lassen. Wer einmal „Frugalist“ oder „finanzielle Freiheit“ bei Google eintippt, der wird erstaunt feststellen, wie populär die Thematik in den letzten Jahren hierzulande geworden ist. Immer mehr Blogs sprießen aus dem Boden und schon Jugendliche machen sich Gedanken wie sie aus dem Hamsterrad ausbrechen können, das sie noch gar nicht betreten haben. Auffallend ist zudem der recht hohe Anteil an Nichtakademikern, - Geisteswissenschaftler kann man mit der Lupe suchen - Selbstständigen und Auswanderern. Zu den wichtigsten Grundregeln der Frugalisten gehören Sparen, Vermögensaufbau und passives Einkommen. 

 

 

Wann Ist Der Frugalist finanziell Frei?

 

Eine einheitliche Definition für finanzielle Freiheit ist kaum möglich, jedoch würden sich Frugalisten wohl am ehesten darauf einigen, dass finanzielle Freiheit erreicht ist, sobald die monatlichen Kosten durch das angesparte Vermögen gedeckt werden können, ohne das Vermögen langfristig aufzubrauchen. 

 

Als Mittel zum Zweck dienen den Frugalisten meistens Aktien, Immobilien oder Anleihen. Der nötige Betrag kann von Person zu Person sehr stark variieren, da Ausgaben und Ansprüche unterschiedlich ausfallen. Für viele Frugalisten gilt die 4-Prozent-Regel als wichtiger Maßstab. Die 4-Prozent-Regel besagt, dass man jährlich etwa vier Prozent seines Vermögens entnehmen kann, ohne langfristig pleitezugehen. Die Regel geht zurück auf die „Trinity Studie“ von drei Professoren der Trinity Universität in Texas. In der Studie wurde ein fiktives Vermögen zu unterschiedlichen Zeitpunkten in der Vergangenheit jeweils über einen Zeitraum von 30 Jahren investiert. Am Ende jeder Zeitperiode, selbst bei ungünstigen Einstiegspunkten und unter Berücksichtigung der jeweiligen Inflationsrate, war die Begleichung der anfallenden Kosten problemlos möglich. Im Umkehrschluss besagt die Regel, dass man dem ungeliebten Vorgesetzten spätestens die Räumlichkeiten demolieren und ihm ein gepflegtes „Leck mich!“ entgegendonnern kann, sobald der Vermögensstand die jährlichen Ausgaben um das 25-fache übersteigt. 

 

 

Rechenbeispiel:

Monatliche Ausgaben: 1000 €

1000 € * 12 = 12.000 €

Jahresausgaben 12.000 € * 25 = 300.000 € 

 

Ergebnis

Wenn ihr ein Vermögen von 300.000 € besitzt, könnt ihr euch auf die faule Haut legen, Caipirinha schlürfen und monatlich 1000 € verbraten. Das ist viel zu wenig und geradezu beleidigend für den euch zustehenden pompösen Lebensstil? Ihr könnt das System beliebig an eure Bedürfnisse anpassen und nach oben oder unten euren Bedürfnissen angleichen. Im Internet findet ihr mehrere Rechner, die ihr individuell einstellen könnt. 

 

 

Kritik

So wie vermutlich jedes Lebensmodell ist auch jenes der Frugalisten nicht frei von Kritik. Zum einen werden Annahmen, wie die 4-Prozent-Regel, als willkürlich und fehleranfällig bemängelt,zum anderen werden Frugalisten wahlweise als genussfeindliche Ökos, spaßbefreite Kapitalisten oder arbeitsscheue „Millennials“ kritisiert. Wahrscheinlich bergen alle Zuschreibungen einen Funken Wahrheit, jedoch sollte man das wachsende Interesse an finanzieller Bildung, vor allem junger Menschen, erst einmal positiv sehen. Was vielen Frugalisten allerdings häufig fehlt, ist der Plan für das danach. Das Ziel finanzielle Freiheit thront über allem und das verteufelte Arbeitsleben wird mit Abscheu, Arbeitnehmer, die „Gefangenen im Hamsterrad“, bestenfalls bemitleidet. Dass viele Menschen durchaus Freude an ihrer Arbeit empfinden, können sich viele Frugalisten in ihrer Abneigung gar nicht vorstellen. So werden als Ziele nach der Freiheitsgewinnung beispielsweise „den ganzen Tag rumreisen, lesen, Pommes essen und Sport treiben.“, genannt (Madame Moneypenny – finanzielle Unabhängigkeit für Frauen). Ob lesen und Pommes essen allerdings als Lebensinhalt ausreichen, bleibt abzuwarten. Gerade Männer sind dafür bekannt, nicht selten in ein tiefes Loch zu fallen, sobald sie aus dem Erwerbsleben ausscheiden.