Eine Filmkritik

Houellebecq - Elementarteilchen

 
 

Am 07.01.2019 erschien der neue Roman des französischen Autors Michel Houellebecq, „Serotonin". Eine gute Gelegenheit sich dem bisherigen Schaffen des Franzosen zu widmen. An dieser Stelle werfen wir einen Blick auf die deutsche Verfilmung seines zweiten Romans, „Elementarteilchen".

Oskar Roehler könnte man als typischen deutschen Feuilleton-Regisseur bezeichnen: Bei den Kritikern beliebt und vom Publikum weitestgehend ignoriert. Die Angelegenheit ist allerdings etwas komplizierter, da Roehler nicht in der jenen Intellektuellen zugedachten links-„liberalen“ Ecke verharrt, sondern bewusst mit „rechter“ Rhetorik spielt, reaktionäre Provokationen geradezu sucht. Schon seine Filmografie liefert Grund zur Empörung: „Jud Süß“, „Suck My Dick“, „HERRliche Zeiten“ (tatsächlich so geschrieben) und – Eric Cartmans und mein persönlicher Titelfavorit – „Tod den Hippies!!“.

Es ist daher kaum verwunderlich, wenn jener Roehler ein Werk des französischen „Skandalautors“ Michel Houellebecq verfilmt. Der mittlerweile 62-jährige französische Romancier dürfte den meisten spätestens seit seinem Roman „Unterwerfung“ bekannt sein, der die Machternahme Frankreichs durch einen charismatischen Islamisten beschreibt und genau am Tag des Anschlags auf das Satiremagazin Charlie Hebdo erschien. „Elementarteilchen“ war Houellebecqs zweiter Roman und begründete maßgeblich seinen Ruf als einer der erfolgreichsten französischen Schriftsteller der Gegenwart. Das Buch handelt von zwei Halbbrüdern, dem erfolgreichen, weltabgewandten Molekularbiologen Michel und Bruno, einem frustrierten Lehrer mit Ehe- und Sexproblemen. Die beiden werden getrennt voneinander bei Großeltern aufgezogen, während sich die gemeinsame 68er-Mutter auf Dauerselbstfindungstrip befindet und keinerlei ernsthafte Bindung zu ihren Kindern aufbaut. Mit etwa 40 entwickeln die beiden Männer erstmals so etwas wie Liebesbeziehungen, aber dieses Glück ist nur von kurzer Dauer.

Die Verfilmung wartet mit einer beeindruckenden Stardichte auf, was allerdings bei deutschen Produktionen neueren Datums nicht viel heißen muss. Christian Ulmen, Moritz Bleibtreu, Franka Potente, Martina Gedeck, Nina Hoss, Uwe Ochsenknecht, Tom Schilling oder Corinna Harfouch sollten sogar den meisten Gelegenheitskinogängern ein Begriff sein, die sonst eher wenig mit deutschen Filmen am Hut haben. Im Kopf bleiben vor allem Moritz Bleibtreu und ganz besonders Martina Gedeck, die einmal mehr deutlich macht, dass sie zu den vielseitigsten Schauspielern des an Charakterköpfen so armen deutschsprachigen Kinos zählt. Bleibtreu spielt wie immer sich selbst, was allerdings in diesem Fall sehr gut funktioniert und seiner Figur die nötige Glaubwürdigkeit verleiht. Sein Bruno trägt den Film fast im Alleingang. Dagegen bleibt Christian Ulmen als Michel eher blass, während er das leicht trottelige Schweinsgesicht verkörpert, das er regelmäßig zum Besten gibt.

Der Film konzentriert sich sehr auf das Brüderpaar und zeichnet ein genaues Psychogramm, während die kulturellen Bezüge aus Houellebecqs Roman nur angerissen werden. Die Kritik an der 68er-Bewegung und dem durch sie forcierten Materialismus schimmert immer wieder durch, Elementarteilchen wirkt jedoch gezähmt und geglättet. Auch die Roehler-typischen Überzeichnungen am Rande des Slapsticks dürften für so manchen Zuschauer gewöhnungsbedürftig sein. Man hat bei dem Regisseur so wie bei dem Menschen Roehler das Gefühl, dass er zwar einerseits die Provokation, die Grenzüberschreitung sucht, ihm aber letztlich der Mut zur Konsequenz fehlt. Den finalen Schritt, den Houellebecq in seinem Roman weitergeht, vermeidet Roehler. Ein ZEIT-Interview aus dem letzten Jahr bringt dieses Dilemma auf den Punkt. Warum er den Roman seines Kollegen Thor Kunkel verfilme, wird Roehler da gefragt. Diesem Kunkel werde schließlich „das Spiel mit rechtem Gedankengut“ vorgeworfen, jüngst habe er sogar mit Werbevideos für die AfD von sich reden gemacht. Anstatt den ZEIT-Redakteuren einmal gehörig die Meinung zu geigen und ihnen die Lächerlichkeit ihres „Vorwurfs“ zu verdeutlichen, antwortet Roehler folgendermaßen: „Soll ich dir erzählen, wer dieser Kunkel ist? Das ist ein cooler Typ, ein Kumpel. Der ist eben in einem anderen Milieu aufgewachsen, nicht mit Schriftstellern und Schauspielern, sondern mit Kleinbürgern und mit Stammtischgerede.“

Was bleibt von Roehlers „Elementarteilchen“? Ein gut gespieltes Psychogramm zweier Brüder, die der Selbstsucht ihrer 68er Mutter zum Opfer gefallen sind und ein unentschlossener Regisseur, der Houellebecq zwar versteht, vor dessen Courage jedoch zurückschreckt

Krautnote: 6.5 von 10