MOBBING - Als „Nazi" an einer öffentlichen Schule

Wie es sich anfühlt an einer öffentlichen Schule zum „Nazi” degradiert zu werden, schildert unser Autor Alexander Kirton in diesem anschaulichen Erfahrungsbericht. Isolation, Ausgrenzung, Anschuldigungen - Die Palette reicht von einfachen Lügen bis hin zu unfassbaren Diffamierungen. Nicht links = rechts = Nazi

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Als ich letztens mit der Autorin Mia Lada-Klein eines unserer langen Telefonate führte, kamen wir auf das Thema ,,Mobbing" zu sprechen. Es fiel mir persönlich nicht besonders leicht zu erkennen, ob ich jemals gemobbt wurde oder nicht, obgleich ich mir im Klaren bin, dass so Mancher die Erfahrungen, welche ich zu sammeln hatte, definitiv als Mobbing bezeichnen würde. Wovon ich spreche, ist die Hetze, die im Rahmen des zweiten Bildungsweges, also im Rahmen des Nachholens meines Abiturs gegen mich betrieben wurde.

Ich analysiere Sachverhalte für gewöhnlich sehr gerne, was heißt, dass ich mich schwer tue, Zustände oder Situationen einfach nur als Gesamtwerk zu betrachten und zu den Akten zu legen. Mobbing ist für mich das Gesamte, wobei ich insbesondere im Rahmen dieses Textes lieber auf die Teilaspekte eingehen möchte, um letzten Endes jedem selbst zu überlassen, ob er dies nun als Mobbing deklarieren möchte oder als irgendetwas anderes.

Jeder würde Mobbing anders interpretieren. Hier also meine Interpretation des Begriffes, worauf sich der folgende Text stützen wird:
,,Mobbing ist das öffentliche Degradieren einer Person, um das eigene Selbstwertgefühl zu steigern, bzw. um die eigenen Minderwertigkeitskomplexe zu kompensieren."

Hier bereits der Knackpunkt - ich bin mir nicht sicher, ob man mich degradierte, um das eigene Selbstwertgefühl zu pushen, oder ob man sich tatsächlich dachte, im Recht zu sein und durch die Bekämpfung meiner Person einen Stellvertreter des Unheils auf Erden zu bekämpfen. Doch wollen wir von vorne anfangen.

An meiner vorherigen Schule merkte man rasch, dass mit mir etwas nicht stimmte - ich hinterfragte die Lehrer, die Medien und das vermeintlich Gute. Anders formuliert, ich akzeptierte die mir vorgelegten ,,Tatsachen" nicht, sondern stellte diese vorerst auf den Prüfstand, um mir letztendlich ein eigenes Bild von jeglichen Dingen machen zu können. Diese eigenen Bilder machte ich mir auch stets. Zweifelsohne entsprachen diese nicht den unreflektiert übernommenen Bildern meiner Mitschüler. Damit ignorierte ich nicht nur den gesetzten und gesellschaftlich etablierten Rahmen (,,das ist gut, das ist schlecht", ,,das ist links, das ist rechts", ,,das ist schwarz, das ist weiß", usw.), sondern verletzte zudem die ideologischen Wohlfühlzonen meiner Mitschüler.

,,Nazi!" lautete also der Stempel, der mir, dem Dissidenten, aufgedrückt wurde und bekanntlich spricht man mit "Nazis" nicht - man bekämpft sie nur. Wer nun ein "Nazi" ist und wer nicht, bestimmt für gewöhnlich die Masse, bzw. diejenigen mit der größten Ansammlung von Karmapunkten - oftmals durch diverse Buttons und Aufnäher zu erkennen. Ein selbsternannter Antifaschist war an meiner damaligen Schule der Richter und als dieser mich auf einer linksextremen Prangerseite im Internet fand, musste dies natürlich breitgetreten werden. Schließlich bin ich eine große Bedrohung für meine Mitmenschen, die Wiedergeburt Hitlers, usw..

Nun aber zu den Aktionen (vielleicht auch Mobbing?) , welche gegen mich gestartet wurden in chronologischer Reihenfolge:

1. anfängliche Isolation / Ausgrenzung - auffällig war hierbei, dass auf einmal keiner mehr mit mir etwas unternehmen wollte, obwohl ich zuvor sehr gut in die Klassengemeinschaft integriert war. Zu dem Zeitpunkt war ich mir auch nicht im Klaren, was sich hinter meinem Rücken abspielte, womit wir bereits zum zweiten Punkt kommen.

2. Diffamierung / Rufmord innerhalb der Schülerschaft -
,,ich mache mir Sorgen um Dich..."
,,In wie fern?"
,,Weil Du Dich mit diesem Nazi abgibst!"
So verliefen einige Konversationen mit Leuten, die sich noch nicht von mir distanziert haben oder noch nicht genug. Dass mir im Laufe der Zeit auch diese letzten vier, fünf Personen in den Rücken fielen, war abzusehen. (Kleiner Spoiler: Standhaft blieb wirklich nur ein (!) Kollege.) Manch andere Konversation verlief sogar etwas ruppiger:
,,Ich weiß, dass Du mit dem Nazi abhängst! Bist Du etwa auch so einer?"
Eine derartige Ansage durfte ich mit meinen eigenen Ohren hören, da ich für die meisten Menschen ohnehin nur noch Luft, bzw. ein Nazi-Gespenst war und es sie schlichtweg nicht interessierte, ob ich die Hetze mitbekam oder nicht. Vielleicht erhoffte man sich auch eine Überreaktion meinerseits, um jedem zu zeigen, wie gefährlich der böse Nazi ist.

3. Diffamierung außerhalb der Schülerschaft / Denunziation bei den Lehrern - die betriebene Hetze und das kontinuierliche Gleichsetzen von Hitler und mir ging vielen nicht weit genug, weswegen man sich dazu entschied, meine bekennend linke und feministische Konrektorin zu involvieren. Man erzählte dieser von Äußerungen die ich getätigt haben soll und von Äußerungen die ich getätigt habe, aber in einem komplett anderen Kontext, diesen sehr wohl kennend, doch äußerst geschickt weglassend. Wie dem auch sei, erkannte diese den Sinn ihrer traurigen Existenz in der Bekämpfung meiner Person und sprang direkt darauf an.

,,Mir kam zu Ohren, dass Sie..."
,,Wer hat Ihnen das erzählt?"
,,Der Schüler / Die Schülerin möchte anonym bleiben!"

,,Haben Sie irgendwelche Beweise, oder nur Anschuldigungen?"
,,Viele Schüler haben sich diesbezüglich gemeldet!"
,,Also haben Sie viele Anschuldigungen, aber keine Beweise."

,,Sind Sie jetzt rechtsextrem?"
,,Definieren Sie ,,rechtsextrem"!"
,,Das soll keine politische Diskussion werden! Sind Sie jetzt rechtsextrem?"

Und so weiter und so fort. Es gab natürlich auch Schüler, welche die betriebene Hetze gegen mich hätten bestätigen können, doch leider keine, die sich trauten, sich zu Wort zu melden. ,,Ich will mich nicht angreifbar machen - sorry, Mann...," gestand mir ein ehemaliger Kumpel am Telefon. Ja, wohl gemerkt ein ehemaliger Kumpel.

4. Anzeige bei der Polizei seitens meiner Konrektorin / Zerstörung beruflicher Perspektiven - meine Konrektorin genügte ein Verweis nicht, also griff sie zur Feder und verfasste eine Anzeige wegen Volksverhetzung (§130 StGB). In dieser erwähnte sie ausdrücklich, dass es meine Ambition war, bei der Kriminalpolizei nach dem Bestehen meines Abiturs anzufangen, ich jedoch ein "Rechtsextremer" sei und sie sich dazu berufen fühle, dies nun zu melden. Wie selbstlos von ihr. Dass zeitgleich in der Schwebe stand, wer nach dem Abdanken der ehemaligen Direktorin - die ein paar Monate später in Rente ging - nun ihren Platz einnehmen würde, möchte ich mal nebenbei erwähnt haben. Jedenfalls konnte ich nicht nur die Anzeige meiner Konrektorin im Rahmen der Akteneinsicht nachlesen, sondern auch die Protokolle der Zeugenaussagen von vier Mitschülern - darunter ein ehemaliger Freund von mir. Nicht nur lügten diese wie gedruckt, sondern widersprachen sie sich gegenseitig dermaßen, dass die Anzeige seitens der Staatsanwaltschaft fallen gelassen wurde. Mein Notenspiegel litt trotz alle dem immens darunter. Es ist ein Wunder, dass ich mein Abitur mit einem Durchschnitt im sehr guten Bereich bestehen konnte. Tatsächlich bin ich stolz darauf.

Wir sehen hier also Parallelen zum klassischen Mobbing, vor allem in den anfänglichen Stadien (Isolation und Diffamierung), jedoch scheint mir die Intention der meisten Akteure in meinem Beispiel eine andere zu sein. Fanatismus zweifelsohne, aber darauf fußend, dass es das Richtige sei - die Bekämpfung eines "Nazis". Uns allen wurde seit klein auf eingetrichtert, dass Nazis das nur denkbar Schlimmste sind, was je auf Erden wandelte. Doch wer bestimmt, was ein Nazi ist und wer nicht? Wer auch immer meint, dies bestimmen zu können, begibt sich auf jeden Fall in eine immense Machtposition. Nicht nur richtet er damit über das Wohlergehen des Stigmatisierten, sondern erhebt sich zeitgleich in die Rolle des Unantastbaren. Wer richtet, wird nicht gerichtet. Der Masse hingegen kann ich nicht böse sein. Sie dachte wohl wirklich, ich sei der Teufel aus Braunau am Inn und es sei dementsprechend in Ordnung, mich wie Abschaum zu behandeln. Ich sei ja schließlich der Nazi - die Anderen sagen das ja auch und die Anderen haben immer recht. Was meine ehemaligen Freunde angeht, so kann ich auch ihnen keinen Hass entgegen bringen. Sie sind schwach - schwach wie eben viele Menschen sind. Schwach und ängstlich. Sie wollten nicht in die gleiche Situation gebracht werden, in der ich mich letztendlich befand und ganz ehrlich: Wer möchte das schon?

Die Masse, zu der auch meine ehemaligen Freunde zählten, ist lediglich der Nährboden für jene, welche ihre Erfüllung darin fanden, oder zu finden meinten, mich gesellschaftlich zu vernichten. Diese Impulsgeber waren vielleicht zu dritt, höchstens zu viert, während die Anderen wegschauten oder gar mitmachten.

Ja, vielleicht kann man es als Mobbing bezeichnen, was ich erleben musste, doch möchte ich selbst hierin das Gute sehen. Ich habe viel dazugelernt. Viel über mich selbst, darüber, wie ich in Stresssituationen reagiere, wie ich mit einer Anzeige umzugehen habe und natürlich auch viel darüber, wie die Masse denkt und handelt. War es eine schöne Erfahrung, ,,gemobbt" zu werden? Nein, sicherlich nicht, aber interessant allemal. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass mich die Erfahrung in meinem Wesen gestärkt hat und mich gefährlicher hat werden lassen - gefährlicher für jene, welche der Überzeugung sind, es noch einmal versuchen zu müssen.

Als was auch immer man es bezeichnen möchte, ob als politische Hetzkampagne, als Mobbing oder als Paradebeispiel "anti"faschistischer Doppelmoral, es war eine Erfahrung wert und ich bereue diese in keinster Weise. So sollten wir alle versuchen, aus jeder uns begegnenden Herausforderung das Beste zu machen und zu lernen, sie zu meistern! Lasst Euch niemals unterkriegen und bleibt standhaft! Wisst, wer Ihr seid, wofür Ihr steht und wofür Ihr kämpft - egal was es ist! Seid Euch dem bewusst und bleibt Euch treu! Was den Pöbel angeht, so lasst ihn reden, lasst ihn hetzen und erachtet ihn lediglich als Euer Versuchskaninchen. Beobachtet ihn und lernt dazu, aber lasst Euch von ihm nichts sagen!