Ortega y Gasset - Aufstand der Massen

In unserer Reihe „Konservative Hipster" stellen wir diesmal einen Spanier vor, der bereits 1949 die Vereinigten Staaten von Europa forderte. Gleichzeitig bezeichnete er die moderne Demokratie als Hyperdemokratie, in der die Masse alles Herausragende und Hervorstehende einebne und sich untertan mache. Werfen wir einen Blick auf Ortega y Gasset, einen Denker, der sich nicht so einfach einordnen lässt.

Unser letzter konservativer Hipster war glühender Nationalist und Ästhet, der Spanier Ortega y Gasset lässt es etwas ruhiger angehen und forderte bereits 1949 die Vereinigten Staaten von Europa. Also vielleicht ist der Mann ja gar kein Konservativer? Tatsächlich wird Ortega häufig der liberalen Schule zugeordnet, trotzdem finden sich in seinem Werk konservative oder gar reaktionäre Tendenzen. Gleichzeitig verbindet er wie kein zweiter hochwissenschaftliche Ansätze mit einer klaren, verständlichen und stilistisch herausragenden Sprache. Komplizierte Sachen, wie Zeitgeist oder kollektive Gefühle, können nämlich auch ganz einfach ausgedrückt werden. Lassen wir ihn selbst zu Wort kommen:

 

„Im ersten Augenblicke erschienen die Burgen uns als Symptome eines Lebens, das uns im tiefsten fremd ist. Wir schreckten vor ihnen zurück und suchten Zuflucht bei den antiken Demokratien, die wir unseren Formen des öffentlichen Lebens – des Rechtes und des Staates – verwandter fanden. Aber als wir versuchten uns als Bürger Athens oder Roms zu fühlen, entdeckten wir einen dezidierten Widerstand in uns. Der antike Staat bemächtigt sich des ganzen Menschen und läßt ihm auch nicht den kleinsten Rest zu seinem Privatgebrauch übrig. In ir gendwelchen unterirdischen Wurzeln unserer Persönlichkeit widerstrebt uns dieses vollständige Auf gehen im Kollektivkörp er der Polis. So wenden wir uns zurück zu den Burgen und finden, daß hinter ihren theatralis chen Gesten ein Schatz aus Ideen bereit liegt. Ihre Zinnen und Türme sind er richtet, um die Person gegen den Staat zu verteidigen.

 Meine Herren, es lebe die Freiheit. “(Signale unserer Zeit, S. 25)

 

Wie gelangte der spanische Denker zu solchen Vorstellungen? 1883 in Madrid geboren, studierte Ortega in Bilbao und Madrid Philosophie. Ab 1904 hielt er sich vorrangig in Deutschland auf, insbesondere in Marburg, wo er unter der Leitung Herrmann Cohens studierte. 1910 verließ er Deutschland, um in Spanien als Doktor an verschiedenen Lehrstühlen zu dozieren. Über Marburg, dessen Neukantianismus Ortegas Gedankenwelt entschieden beeinflusste, sagte er später: „In dieser Stadt habe ich die Tag- und Nachtgleiche meiner Jugend verbracht.“ 1936, im Zuge des Putsches General Francos, richtete sich Ortega gegen die Machtergreifung. Später positionierte er sich bewusst un ideologisch: „Der Rechten oder der Linken anzugehören, ist einer der Wege, die ein Mensch wählen kann, um ein Idiot zu werden“. Eines der Hauptprobleme mit Francos militärischem Stil war allerdings die bewusst antikonservative Haltung des Diktators. Ortega sah in der Diktatur „ein Zersetzungsprodukt einer absterbenden Tradition“.

 

Für zehn Jahre lebte der spanische Denker, der als der letzte „populäre Philosoph“(Spiegel 1955) aller Zeiten galt, in Argentinien, Portugal und Frankreich. Nach dem 2. Weltkrieg kehrte er in seine Heimat zurück und verbrachte seinen Lebensabend bis zu seinem Tod 1955 in Madrid. So war es hauptsächlich die Erfahrung mit den Massen und dem überbordenden, durchideologisierten Staat in Deutschland und in Spanien, welche die Nahrung für sein Schaffen lieferte. Als Soziologe befasste er sich mit zeitdiagnostischen Fragen – so die Amerikanisierung Europas, das Absterben des spanischen Föderalismus oder auf den ersten Blick so banalen Sachen wie dem Gruße der Menschen.

 

Auch dem Verhältnis vom Individuum zur Gruppe widmete er Schriften, politisch verteidigte er vor allem die föderalen, natürlich gewachsenen Staaten Spaniens, die nicht einfach zu einem zentralistischen Staat zusammengekleistert werden sollten. Ortega schreibt schön, verständlich, einfach und doch klug, dass man aus seiner Lektüre stets mit einem Mehrwissen hervorgeht. Gleichzeitig schwingt in all seinen Texten eine spanische Melancholie, gepaart mit adliger Traurigkeit mit, die im Angesicht der Moderne nicht schwer zu verstehen ist: „Immer reitet er der Niederlage entgegen, und schon ehe er in den Kampf eintritt, trägt er die Wunde an der Schläfe“.

 

Ob dieser donquichottsche Geist in jedem lebt? Ortega zumindest hat ihn ausformuliert und zählt als konservativ-liberaler Vordenker zu den Wegweisern einer kritischen und wohlüberlegten Kulturphilosophie, die nichts mit den modernen Fantastereien der Hyperindividualisten zu tun hat. Dazu Panamahut, verschmitztes Lächeln und Zigarettenspitze und fertig ist der konservative Hipster des Monats. In den spanischsprachigen Teilen der Welt wird Ortega noch immer große Beachtung geschenkt, in Deutschland kennen einige wenige sein Hauptwerk, den „Aufstand der Massen“, das aber im Verlauf des 20. Jahrhunderts immer mehr an Bekanntheit und Bedeutung eingebüßt hat.

 

Die philosophische Verschiebung zum echten Individualismus und Rationalismus arbeitet gegen das Konzept des emotionalisierten, triebgesteuerten Massenmenschen. Je länger die chaotische, ideologieaufgeladene Zwischenkriegszeit, die im 2. Weltkrieg gipfelt, zurückliegt, desto schwerer kann man sich vorstellen, dass Menschen sich so animalisch verhalten, wie Ortega sie beschreibt, so dumm und herdentierartig, abhängig von der Technik und der Arbeit vor sich hinleben, wie Ortega sie Zeit seines Lebens beobachtete. Der heutige Zeitgeist sträubt sich bereits gegen den Begriff der „Masse“ an sich. Als Konservativer sollte eines allerdings klar sein: Die Geschichte ist nicht linear fortlaufend oder gar zielführend, sondern wiederkehrend. Natürlich passiert nicht das Gleiche noch einmal, sondern die Muster, Strukturen und Strömungen der verblassten Zeiten kehren wieder. Daher wird irgendwann auch Ortega aus der Mottenkiste hervorgezaubert werden – spätestens, wenn das Zeitalter der Massen wieder heraufzieht. 

 

 

 

 

Hauptwerk: Der Aufstand der Massen

 

Das Hauptwerk Ortegas richtet sich gegen die moderne Massengesellschaft, die in allen westlichen Ländern in immer stärkerem Kontrast zu einer Elite steht. Dabei verwendet Ortega allerdings nicht den zumeist geläufigen Elitebegriff, einer finanziellen oder politischen Oberschicht, die über eine dumme und gesichtslose Masse regiere, sondern differenziert Masse und Elite in kleinteiligen Zellen. Die Einteilung erfolgt an der menschlichen Haltung des Individuums gegenüber dem Leben und den Problemen, denen man begegnet. In jeder Klasse, in jedem Stand, in jedem Beruf gibt es eine Elite und eine Masse. Gefährlich seien beispielsweise die akademischen Angeber, die sich selbst als Elite betrachten, dabei aber innerhalb der belesenen Zirkel nur zur intellektuellen Masse zählen.

 

Im Zeitalter der Massen hat sich nach Ortegas Verständnis, die Demokratie grundlegend geändert. Früher ginge die „Herrschaft des Volkes“ mit dem liberalen Prinzip einher, einer Achtung der Freiheit, des Anderen und vor allem der Achtung von dem Gesetz. Aufgrund des „Aufstandes der Massen“ leben wir heute (1929) in einer „Überdemokratie“, die durch die einfache Mehrheit der Masse gelenkt wird. Diese neue Demokratie kann sich jederzeit von Werten, Freiheit und Gesetz verabschieden. Popularität erhielt seine Theorie durch das „faschistische Zeitalter“, das in Italien, Spanien und Deutschland auf deutlichen Mehrheiten basierte, sich aber von einem ursprünglichen Demokratiekonzept entfernte. Ortega spricht sogar von einer Hyperdemokratie, in der die Masse alles Herausragende oder nur Hervorstehende mühelos einebnet und sich untertan macht. Entstanden ist das Zeitalter der Massen durch eine Loslösung des Menschen von seinem „eigenen Platz“, seinem individuellen Standort. Jetzt organisiert er sich in Verbänden und tyrannisiert die Gesellschaft.

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Kommentare: 3
  • #1

    Michael Koch (Freitag, 01 März 2019 11:47)

    Man lese auch "Psychologie der Massen" von Le Bon. Ein sehr interessantes Buch.
    Will man mehr darüber wissen, was in den 20-ger und 30-ger Jahren geschah, dann kommt man auch an Julius Evola nicht vorbei. - Es geht nicht um Übereinstimmung, sondern um das Verstehen!

  • #2

    Florian (Freitag, 01 März 2019 11:52)

    Absolut geniales Buch, beim Evola-Einstieg bin ich aber bei der "Revolte" bereits gescheitert. Vielleicht bald nochmal ein Versuch. Kennen Sie sich mit Evola aus?

  • #3

    Michael Koch (Freitag, 01 März 2019 13:03)

    Ja, einigermaßen. Vielleicht ist dieses Buch ein guter Einstieg zum Verständnis: https://ia600303.us.archive.org/21/items/MenschenInmittenVonRuinen/evola-menschen-inmitten-von-ruinen.pdf

    Nebenbei. Die Seite: https://archive.org ist sehr empfehlenswert. Dort findet man zwar nicht alles, aber vieles.

    Liebe Grüße aus Dresden!