Ein preußischer Revolutionär

Wenn man das Wort Revolutionär hört, denkt man an alle möglichen Persönlichkeiten, nur nicht an Deutsche. Doch es gab auch deutsche Revolutionäre! Die liberalen Kämpfer für ein freies und geeintes Deutschland. In unser Reihe „Konservative Hipster" stellen wir einen der interessantesten von ihnen vor, Ernst von Salomon.

Kapp-Putsch in Berlin: Zeitgleich war Salomon in Hamburg unterwegs
Bundesarchiv, Bild 119-1983-0006 / CC-BY-SA 3.0

Wenn man das Wort Revolutionär hört, denkt man an alle möglichen Persönlichkeiten. Nur nicht an Deutsche. Robes­pierre, Che Guevara, Lenin und Stalin, Fidel Castro, Malcolm X oder Martin Luther King sind jedem geläufig. Doch es gab auch deutsche Revolutionäre, die liberalen Kämpfer für ein freies und geeintes Deutschland im Vormärz (1817-1848) oder die Anhänger der sozialistischen Novemberrevolution 1918. Bei diesen historischen Schlüsselpersonen handelt es sich hauptsächlich um linke Rebellen, die das bestehende, „rechte“ System stürzen wollten. Eine rechte Revolution? Gibt’s denn das? Tatsächlich kommt man hier schnell ins Stottern. 

 

Ernst von Salomon (1902-1972) war deutscher Freikorpskämpfer, politischer Verbrecher und begnadeter Schriftsteller. Vor allem war Salomon aber eines: höchst umstritten. Als gewalttätiger Antidemokrat wurde er verachtet, als pragmatischer Nationalist bewundert. Es gibt wohl kaum einen konservativ-revolutionären Kopf, der in diesem Maße tätig wurde: Beihilfe zum Mord an Walther Rathenau, schwere Körperverletzung und Flucht vor Gendarmen und der Staatspolizei. 

 

Kaum jemand hatte ein abwechslungsreicheres Leben als Salomon: Bei der Rückkehr der deutschen Truppen, nach dem Frieden von Versailles im Jahr 1918, schließt sich der gerade einmal 16-jährige Kadett den paramilitärischen Freikorps an und verteidigt, mehr oder minder illegal, die deutschen Ostgebiete gegen die „Roten“. Lettland, Polen und russische Fraktionen wollten vom geschwächten Deutschland ein Stück abhaben. Der sogenannte „Grenzschutz-Ost“, ein Zusammenschluss aus Freiwilligen, wollte dies verhindern. Ernst von Salomon als Minderjähriger mittendrin.  Auch misch­te Salomon beim konterrevolutionären Kapp-Putsch mit, bei dem Berlin von Soldaten besetzt wurde. Er selbst zog mit dem Fliegerass, Hauptmann Rudolf Bert­hold, nach Hamburg und „schoss sich mit verwegenen Matrosen herum“. Nach Auflösung vie­ler soldatischer Verbände und Freikorps schloss sich Salomon dem rechten Untergrund, der Organisation Consul (OC) an, und kämpfte, mit wortwörtlich allen Mitteln, gegen Sozialisten und liberale Demokraten. Mit einigen Verschwörern plante Salomon das Attentat auf Minister Rathenau, der aus einem fahrenden Auto heraus erschossen wurde. Nach mehreren Wochen Versteckspiel wurde er geschnappt und kam für fünf Jahre hinter Gitter.

 

Während der Weimarer Republik begann Salomon auch den Kampf mit der Schreibfeder und knüpfte Kontakt zu den konservativ-revolutionären Kreisen um die Jünger-Brüder, Friedrich Hielscher und Konsorten. Ganz konnte Salomon den politischen Aktivismus allerdings nicht lassen. 1929 unterstützte er die Landvolkbewegung in seiner Heimat, Schleswig-Holstein, und inszenierte einen Sprengstoffanschlag auf den Reichstag. Wieder wanderte Salomon, diesmal nur für einige Wochen, ins Kitt­chen und schloss dort sein Erstlingswerk „Die Geächteten“ ab. Man konnte ihm keine Schuld nachweisen und er kam auf freien Fuß.

 

Während des Nationalsozialismus‘ hielt sich Salomon bedeckt, hatte losen Kontakt zum Widerstand, arbeitete selbst aber bei den UFA Filmstudios als Drehbuchautor in Potsdam. Er heiratete seine jüdische Freundin Ille, um sie vor Verfolgung zu schützen und unterstützte seinen Freund und Verleger Ernst Rowohlt, der unter den Repressalien der Nazis litt und schließlich emigrieren musste. Salomon aber blieb weiterhin unterm Radar. Gegen Ende des Krieges wurde der 42-Jährige schließlich zum Volkssturm eingezogen, hatte aber keinerlei Interesse an der Verteidigung Deutschlands. Die Sache war für ihn schon längst gelaufen. Sein Ziel war es, den Schaden zu minimieren und die Leute nicht blind­lings in ihr Verderben stürzen zu lassen. Wie die meisten Konservativen in der Weimarer Zeit setzte sich auch Salomon zwischen die Stühle. Nach dem Krieg wurden er und seine Frau von den Alliierten wegen „Nähe zur nationalsozialistischen Ideologie“ interniert und misshandelt. Nach seiner Freilassung war der Ex-Revo­lutionär weiter­hin als Schriftsteller und Drehbuchautor aktiv, polarisierte und erlangte internationale Anerkennung und Ablehnung mit seinem bekanntesten Werk „Der Fragebogen“. 

 

In hohem Alter zog sich Salomon nach Winsen bei Hamburg zurück und arbeitete an seinem historischen Spätwerk „Der tote Preuße“, das brillante Erzählkunst mit einer Reise durch die deutsche Geschichte vereint. Salomon kam auf ca. 500 Seiten, bis zum Stauferkaiser Friedrich II., dann wurde der „Kadett Salomon zum Appell befohlen“, wie es im posthum erschienenen Vorwort heißt. Er starb am 9. August 1972 und gesellte sich zum Titelgeber seines letzten Werkes.

 

Heute ist Ernst von Salomon in Vergessenheit geraten. Seine autobiographischen Werke zeugen von abenteuerlichen Erlebnissen und seinem radikal-pragmatischen Denken und Handeln. Letzteres hatte mehr als einmal die Grenze zum Moralischen und Legalen überschritten. Manche Gegner nannten ihn gar nihilistisch. Wie auch immer man heute zu dem umtriebigen Salomon steht: Wir müssen uns glücklich schätzen, dass es überhaupt Zeitzeugen gab, die ihre Erlebnisse auf so hochwertige und spannende Weise niedergeschrieben haben. Die Siegermächte sahen das ganz anders, zumal Salomon auch auf die fragwürdige und unmensch­liche Inhaftierung vieler Deutscher durch die Alliierten aufmerksam machte. Nachdem Salomons meisterhaftes Werk „Der Fragebogen“, manche sagen über das Buch es war der „letzte nicht-linke Bestseller deutscher Sprache“, schrieb die New York Times 1955, er "besäße nicht genug Liebe für sein Vaterland, um zu schwei­gen und den Kopf zu senken.“ Wer Salomons Bücher gelesen hat und die treibende Kraft hinter seiner Existenz zu verstehen beginnt, weiß, dass es wohl kaum jemals eine Unterstellung gab, die weiter von der Wahrheit entfernt war. 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0