„Die Mannschaft“ versagt auf kolossale Art und Weise

Das Ausscheiden der deutschen Mannschaft" ist symptomatisch für ein Land das sich auf vergangenen Erfolgen ausruht, Abweichler mit Missachtung straft und in dem niemand mehr bereit ist die Konsequenzen für sein Handeln zu tragen. Konfliktvermeidung ist zur neuen Primärtugend der Deutschen geworden, meint unser Gastautor. 

 

 Der Fußball begleitet mich schon seit der Bundesligasaison 1995/96, und so richtig Feuer gefangen habe ich natürlich beim „Golden Goal“ von Oliver Bierhoff im EM-Finale 1996. Ich war zehn Jahre alt und mein kleiner Bruder acht. Wir haben im Schlafzimmer unserer Eltern das Turnier verfolgt, da im Wohnzimmer ein riesiges elterliches Desinteresse herrschte. Wir saßen also auf dem Boden vor einem Fernseher mit einer Bilddiagonalen von etwa 30 Zentimetern und haben nicht ein Spiel verpasst.

 

Das Ausscheiden in der Vorrunde in diesem Jahr ist natürlich an dramatischer Fallhöhe kaum zu überbieten. Ein glückliches Weiterkommen mit einer 0:8-Niederlage gegen Brasilien wäre noch eine Nummer schlimmer gewesen. Wir können fast schon froh sein, nicht auf die rachedurstigen Brasilianer getroffen zu sein. Vom Weltmeister, mindestens Halbfinal-Teilnehmer, zum Gruppenletzten hinter Mannschaften, die gegenüber der deutschen Elf bestenfalls zweitklassig hätten sein sollen. Enttäuschung als Beschreibung der Gefühle reicht dabei nicht aus. Es herrschte eine Schockstarre in Deutschland. Eine Art Desillusionierung. Hochmut kommt vor dem Fall, könnte man sagen. Ganz Deutschland analysiert nun natürlich, woran es lag. War es das WM-Quartier mit den vielen Mücken? Nicht zu vergleichen mit Campo Bahia von 2014! Hätte Löw Özil und Gündoğan suspendieren müssen nach „Erdogate“? Personalentscheidungen wie Sandro Wagner oder Leroy Sané fallen dem Bundestrainer jetzt auf die Füße. War es das richtige Zeichen, das Leistungsprinzip bei der Neuer-Nominierung auszusetzen? Wurde nicht genug auf Standards gesetzt, obwohl diese WM mal wieder bewiesen hat, wie wichtig sie sind? Fehlte Hansi Flick als Co-Trainer? Viele Fragen und wenige Antworten nach dem kolossalen Versagen der deutschen Elf.

 

Ich persönlich habe Fußballer wie Mario Basler, Stefan Effenberg, Lothar Matthäus, Matthias Sammer oder Michael Ballack geliebt. Sie haben polarisiert. An ihnen schieden sich die Geister. Aber auch Spieler der jüngeren Generation von 2014, wie Podolski, Lahm oder Schweinsteiger, waren ganz andere Typen als die Köpfe, die diese WM-Vorrunde der Deutschen geprägt haben. Ich erinnere nur an das berühmte Algerien-Interview von Per Mertesacker nach dem knappen Algerien-Achtelfinale. Geiler Typ.

 

Für mich wirkte die Nominierung des Kaders für diese WM wie die Zusammenstellung von Ja-Sagern und Linientreuen. Nicht mal Letoy Sané war in meinen Augen der größte Skandal. Ich werde wohl nie begreifen, wie Joachim Löw Sandro Wagner nicht nur zu Hause lassen konnte, sondern auch noch in ganz Fußball-Deutschland demütigen musste. Ein Stürmer, der seit drei Jahren erfolgreich in der Bundesliga einnetzt und bei den Bayern in der letzten Saison bewiesen hat, dass er von der Bank und als klarer Ersatzspieler sofort bei 100 Prozent ist und einen Ehrgeiz und Torhunger hat, der unserer jetzigen Auswahl komplett abging. Es freut mich für Sandro, wirklich. Wir würden wohl keine Freunde werden, aber ich gönne ihm dieser Tage diese Genugtuung. Keiner hat das Ausscheiden der Mannschaft mehr verdient, nicht mal „die Mannschaft“ selbst.

 

„Wir brauchen eine homogene Truppe, um erfolgreich durch das Turnier zu schreiten.“ So oder so ähnlich wurde verlautbart. „Die Mannschaft“ also. Nicht Kroos, Khedira, Reus oder Müller, nicht Lahm, Podolski oder Schweinsteiger, nein, „die Mannschaft“ sollte es sein, die uns ins Finale bringt. Ich habe keine Mannschaft gesehen. Ich habe Einzelpersonen gesehen, die weit unter ihren möglichen Leistungen geblieben sind. Ich habe einen Toni Kroos gesehen, der Genugtuung verspürte im Interview nach dem knappen Sieg gegen Schweden. Eine Distanz zu den deutschen Fans, die mir schleierhaft war und ist. Welcher deutsche Fan hat unserer Nationalmannschaft bitte das Aus in der Vorrunde gewünscht? Sicher gibt es immer irgendwelche Menschen, die lieber den Tod als das Leben feiern, aber das ist dann doch eher die Ausnahme und nicht erwähnenswert. Ich bin bei Kroos‘ Freistoßtor aufgesprungen und habe mir die Seele aus dem Leib gebrüllt, bis meine Stimme versagt hat! Sie hätten das Gesicht meiner Freundin sehen sollen...

 

Eine „homogene Truppe“ klingt bei mir nach Konfliktvermeidung. Eine Nicht-Suspendierung von Özil und Gündoğan ist für mich Konfliktvermeidung. Sandro Wagner und Leroy Sané nicht zu berücksichtigen, ist für mich Konfliktvermeidung. Es passt einfach zum Deutschland der letzten Jahre. Bloß nicht anecken! Keine Querköpfe erlaubt! Es ist unehrlich. Keine richtige Lüge, aber auch nicht aufrichtig. Harmonie hin oder her. Wer Probleme nicht anspricht mit dem Ziel, die Harmonie in der Mannschaft zu erhalten, der hat diese schon lange verloren. So einfach ist es in menschlichen Beziehungen. Konfliktvermeidung schafft Grüppchen, aber sicher kein Team.

 

Meine Erklärung für das Versagen der deutschen Nationalmannschaft lautet also: Konfliktvermeidung.

 

Es gab schon im Vorfeld eine Menge ungelöster Konflikte, die diese Mannschaft umrahmt haben. Ich möchte gar nicht wissen, mit welchem Gefühl so einige Teamkollegen von Sandro Wagner zur Vorauswahl gefahren sind, nachdem er mit Tränen in den Augen an der Säbener Straße auf dem Platz vor seiner Mannschaft stand und ihm wohl die letzte Chance auf eine WM-Teilnahme genommen wurde.

Wenn es nach mir geht, dann müssen Löw, Bierhoff und Grindel leider gehen. Mir fällt das sicher auch nicht leicht nach den so erfolgreichen Jahren mit der Nationalmannschaft. Ich werde die Verdienste und Erfolge nie vergessen, doch „die Mannschaft“ als PR-Ausgeburt hat mit Bierhoff die Bildfläche zu verlassen, Grindel für die vorzeitige Verlängerung bis 2022 und Löw für eine katastrophale Leistung seiner Mannschaft als Teamchef.

 

Da der Trend in Deutschland aber ist, dass auch bei völligem Versagen ein „Weiter so“ legitim ist, nachdem man natürlich öffentlichkeitswirksam die Verantwortung übernommen und die vermeintlichen Konsequenzen daraus gezogen hat, ist es gar nicht so unwahrscheinlich, dass alle drei im Amt bleiben. Über eine Woche für die Verkündung darüber, wie es nun weitergeht, ist auch viel zu lang. Gefühle hin oder her! Am letzten Sonntagabend hätte Deutschland spätestens eine Antwort verdient. So wirkt es für mich wieder wie ein Geklüngel der Funktionäre und Verantwortlichen, eine Farce, und lässt mich nur noch mehr vermuten, dass alle Beteiligten weitermachen. Ich mag mich täuschen und wir erleben vielleicht bald ein paar Überraschungen, auch was die aktiven Spieler angeht, aber ich bin dann doch eher sehr skeptisch, ob es wirklich zu irgendwelchen Rücktritts-Knallern kommt.

 

Die vorherrschende Politik hat mir nicht nur „Star Wars“ als Epos versaut, sondern jetzt auch noch die Nationalmannschaft. Danke. Vielen Dank.

 

 

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