Inflation - Die Hölle der Sparer

Während die Reallöhne seit Anfang der 90er-Jahre stagnieren, sprechen die deutschen Politiker am liebsten davon, wie gut es den Menschen hierzulande geht. Ein wirtschaftlicher Aspekt wird in diesem Zusammenhang gerne vernachlässigt - die Inflation.

 "Ich setze mich für die Unabhängigkeit der EZB ein, Inflation ist eine der perfidesten Formen der Enteignung der kleinen Sparer ohne Sachwerte". – IM Erika aka Angela M.

 

„Die Inflationsrate in Deutschland ist in diesem Jahr auf den höchsten Stand seit fünf Jahren gestiegen.“, titelte die ZEIT Ende Dezember letzten Jahres. „Waren und Dienstleistungen kosten demnach im Schnitt 1,8 Prozent mehr als im Vorjahr. 2016 betrug die Inflationsrate noch 0,5, im Jahr zuvor sogar nur 0,3 Prozent.“ Wohl kaum ein Terminus ist im wirtschaftspolitischen Diskurs so allgegenwärtig wie die „Inflation“. Zwar wissen die wenigsten wie sich die Inflationsrate, die wesentliche Kennziffer zur Entwicklung der Inflation, genau zusammensetzt und welche Bereiche sie überhaupt umfasst. Trotzdem ist sie in aller Munde, ob als „Teuerungsrate“, „Preissteigerung“ oder „Verbraucherindex“. Die Europäische Zentralbank gibt sogar eine Inflationsrate von knapp 2 Prozent als Zielvorgabe aus. Aber warum sollen steigende Preise wünschenswert sein und wie kann Inflation überhaupt allgemeingültig definiert werden?

 

Wer sich bei der Suche nach einer Begriffserläuterung auf die Seite der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) begibt, der findet folgende Definition vor: „Eine Inflation gibt es dann, wenn in einem Staat insgesamt mehr Geld vorhanden ist, als es Waren und Güter gibt." Man liest den Satz ein ums andere Mal und beginnt notweigerlich sich zu fragen, ob der Schülerpraktikant sich hier mal wieder austoben durfte. Ähnlich wie nach der Lektüre einer Hegelschrift fängt der Kopf an sich leicht zu drehen, allerdings in diesem Falle wohl kaum der Genialität der Gedanken seines Verfassers geschuldet. Wie kann es denn „mehr Geld“ als Waren geben? Wenn es in einem Staat 200 Güter und 201 Geld(scheine) gibt – Ist dann „mehr Geld“ vorhanden als es Güter gibt? Eine dürftigere Begriffsdefinition wird wohl im ganzen Netz nicht zu finden sein. Im nächsten Absatz wird dem Leser schließlich erklärt wie es zu einer „Inflation“ kommt: 

 

„Wenn zum Beispiel die oberste Bank in einem Staat, die Zentralbank, zu viel Geld drucken lässt, kommt es zur Inflation. Der Grund dafür kann sein, dass eine Regierung zu viele Schulden hat und deshalb von der Zentralbank verlangt, mehr Geld zu drucken, um die Schulden zu bezahlen.“

 

So weit, so gut. Den Kalauer hebt sich die bpb allerdings für den Schluss aus. Hier beweist der Schülerpraktikant(?) wirklich eine Menge Humor: „Das kommt heute aber nur noch selten vor, weil die meisten Regierungen und Zentralbanken wissen, dass das für die Wirtschaft eines Landes gefährlich ist.“ Hat das bpb die letzten 50 Jahre Wirtschaftsgeschichte verschlafen? Gibt es überhaupt ein Land, dass in den letzten Dekaden nicht Geld gedruckt hat, um Schulden zu begleichen? Entweder man hat beim bpb vergessen den Post vom 1. April wieder zu entfernen oder man versucht ganz bewusst etwas falsch darzustellen.

 

Das Ganze bekommt ein etwas unschönes Geschmäckle, wenn man sich die fiskalpolitische Bedeutung der Inflationsrate vor Augen führt. Eine (möglichst niedrige) Inflationsrate soll den Bürgern nicht nur ein Gefühl der Wertstabilität ihres Geldes vermitteln, sie ist auch relevant für die Festlegung von Lohnerhöhungen, Rentenansprüchen und Pensionszahlungen. Die Inflationsrate ist folglich ein bedeutendes staatliches Element zur Steuerung wirtschaftspolitischer Maßnahmen.

 

Gemessen wird die Inflation im Allgemeinen anhand des Verbraucherpreisindex für Deutschland, der die durchschnittliche prozentuale Preisveränderung der Waren und Dienstleistungen des privaten Bedarfs angibt. Die „Inflationsrate“ bezieht sich in der Regel auf die Veränderung des Verbraucherpreisindex zum Vergleichsmonat des Vorjahres. Interessant wird der Blick auf den Verbraucherpreisindex vor allem, wenn man sich vor Augen führt, welche Faktoren alle NICHT miteinbezogen werden.

 

So werden Sachgüter, beispielsweise Kunstgegenstände oder Oldtimer, nicht miteinbezogen, ebenso wie Anteile von Unternehmen, zum Beispiel in Form von Aktien oder Unternehmensanleihen. Auch der gesamte Immobilienmarkt wird bestenfalls indirekt durch die Mietkosten abgebildet. Die Liste ließe sich noch um Kryptowährungen und andere Güter erweitern. Seit 2002 wendet das Statistische Bundesamt zudem die sogenannte „Hedonische Preisbereinigung“ zur Berechnung einiger Warengruppen an. Dabei werden Qualitätssteigerungen von Produkten, vor allem im IT-Sektor, mit einberechnet, was zu deutlich geringeren Inflationsraten führt. Ein sehr sinnvoller Vorgang, wenn man bedenkt, dass der Röhrenfernseher heute weitaus günstiger zu haben ist, als noch vor 20 Jahren. Schade nur, dass es mit Blue Ray oder analogem Fernsehen dann etwas schwierig werden könnte.

 

Aus den genannten Gründen ist die Gleichsetzung von Inflation und Verbraucherpreisindex problematisch. Der Bürger wird in dieser Betrachtung zum Konsumenten stilisiert und Vermögensaufbau zu einer Randnotiz. Milliardenschwere Sektoren bleiben unberücksichtigt. Kritiker verweisen daher gerne auf die „reale Inflationsrate“, die nicht ausschließlich auf dem „Warenkorb“ einer staatlichen Behörde beruht. Eine einheitliche Definition existiert zwar nicht, allerdings berechnen die meisten Statistiker die „reale Inflationsrate“ indem sie das prozentuelle Wirtschaftswachstum des Bruttoinlandsprodukts von dem Zuwachs der Geldmenge M3 (Geldbestand einer Volkswirtschaft, inklusive Geldpapiere und Schulden) abziehen.

 

Inflation = Zuwachs M3 minus Zuwachs BIP

 

Die reale Inflation ist im Schnitt deutlich höher als der Zuwachs des Verbraucherpreisindex und Werte über drei Prozent sind eher die Regel als die Ausnahme. Weit geläufiger als die reale Inflation ist allerdings die sogenannte „gefühlte Inflation“. Statt sich mit den Unzulänglichkeiten der angeblichen Inflationsrate auseinanderzusetzen, ist es der Politik gelungen die Problematik als Gefühlsduselei abzutun. Dabei stagnieren die deutschen Reallöhne schon seit Anfang der 90er Jahre – gemessen anhand der „offiziellen Inflationsrate“ wohlgemerkt. Wenn man sich gleichzeitig vor Augen führt, wie stark Sachwerte, Immobilen oder Börsen im gleichen Zeitraum angestiegen sind, dann wird deutlich wie enorm die REALE Geldentwertung in den letzten Jahrzehnten war.

 

Der offizielle Verbraucherpreisindex sorgt allerdings dafür, dass wir von dieser Entwicklung kaum Notiz nehmen. Stattdessen treten Experten wie der amerikanische Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugmann und der seit Jahren für einen Nobelpreis gehandelte Franzose Olivier Blanchard in der Öffentlichkeit und empfehlen eine deutlich höhere Inflationszielrate von beispielsweise 4 Prozent als Zielvorgabe. Ihr Hauptargument lautet, dass die Zentralbanken dadurch einen höheren Spielraum für „wirtschaftspolitische Maßnahmen“ besäßen, ohne an die Nullzinsgrenze zu gelangen. Übertragen wir das 4-Prozent-Ziel auf die „reale Inflationsrate“, bewegen wir uns ganz schnell in einem Bereich zwischen 6 und 10 Prozent Inflation. Den deutschen Sparer wird es freuen. Nun darf er neben den „herkömmlichen“ Steuern und Abgaben auch noch zusätzliche indirekte Gebühren in Form von Inflationierung an den Staat zahlen.

 

Um es mit den Worten des ungarisch-US-amerikanischen Börsenfachmanns Adré Kostolany zu sagen:

 

„Die Inflation ist die Hölle der Gläubiger und das Paradies der Schuldner“.

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Lew Ashby (Sonntag, 01 April 2018 21:35)

    Unverzichtbares Buch in dieser Hinsicht:

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