DVD des Monats - Elle

Der Niederländer Paul Verhoeven meldet sich mit einem spannenden Ritt durch psychologische Abgründe zurück.

von Indie NL [CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)], vom Wikimedia Commons

Zwei schwarze Handschuhe springen an die Innenseite der Terrassentür. Die Kamera schwingt um in das angstverzerrte Gesicht von Isabelle Huppert. Wir sehen einen komplett in schwarz gehüllten Mann, der mit äußerster Brutalität in die Wohnung der sichtlich schockierten Frau drängt. Mit ängstlichen, weit aufgerissenen Augen starrt sie dem Einbrecher ins Gesicht. Was folgt ist eine kurze, dafür aber äußerst intensive, brutale Vergewaltigungsszene.

 

Die beschriebene Handlung bildet die Eröffnungsszene in Paul Verhoevens furioser Kinorückkehr „Elle“. Der Film wurde mit dutzenden Preisen ausgezeichnet und der 79-jährige Niederländer konnte sich eindrucksvoll in der ersten Liga internationaler Filmemacher zurückmelden. Der packende Film folgt einer beängstigt souverän agierenden Isabelle Huppert (Der Oscar hätte eigentlich nur noch Formsache sein DÜRFEN, aber spätestens mit der Oscarverleihung 2017 hat sich Hollywood endgültig der Lächerlichkeit preisgegeben) auf der Suche nach ihrem Peiniger. Szene für Szene eröffnet sich dem Zuschauer das selbstbewusste Wesen der Hauptdarstellerin, die zusammen mit ihrer Freundin eine kleine Spielefirma leitet.

 

Natürlich wäre ein Paul Verhoeven Film nicht vollständig ohne zahlreiche Seitenhiebe auf die bürgerliche Gesellschaft und ihre heuchlerische Moral. Die Sex- und Gewaltszenen fallen gewohnt deftig aus, triften aber nie ins Lächerliche oder Trashige ab, wo bei Verhoeven bisweilen ein schmaler Grat besteht. Nachdem der Mörder gestellt ist, übertreibt es der Niederländer ein wenig mit plötzlichen Aha-Momenten und psychologischen Vertracktheiten zwischen den verschiedenen Figuren. Auch bei mehrmaligem Schauen fällt der Film etwas ab, da er einen großen Teil der Spannung aus der Frage nach dem Mörder bezieht. Alles in allem bleibt „Elle“ jedoch ein furioser Ritt durch die Psyche seiner Hauptfiguren und ein ungemein packender Thriller, der dem Zuschauer nur wenig Raum zum Durchatmen lässt.

 

Das Ganze spickt Verhoeven mit einer gewaltigen Prise Humor und Selbstironie, die man bei den meisten heutigen Hollywoodproduktionen sträflich vermisst. Wo gängige Produktionen sich bestenfalls zotige Witzchen auf Pubertätsniveau leisten, verweigert sich Verhoeven gängigen Konventionen, um dem Zuschauer so manchen Schlag die von hollywooscher Mittelmäßigkeit und gängigen Klischees durchtränkte Margengrube zu verteilen. Mit „Elle“ knüpft Verhoeven nahtlos an seine großartigen Klassiker aus frühen Jahren und das bemerkenswerte „Black Book“ aus dem Jahr 2006 an. Gelangweilt hat Verhoeven ohnehin noch nie in seiner Karriere und selbst ein Filmbanause wird sich dem mitreißenden Werk kaum entziehen können.

 

Krautnote: 7.5

 

 

 

Die Goldene Himbeere für Verhoeven:

Die Goldene Himbeere (engl. Golden Raspberry Award, kurz Razzie) ist ein 1981 eingeführter Negativ-Filmpreis, der gegenwärtig in 10 Kategorien vergeben wird. Bis heute hält Paul Verhoevens 1995 erschienener Film „Showgirls“ (TZ: eine witzige, aber seinerzeit falsch verstandene Satire auf die amerikanische Unterhaltungsindustrie; Krautnote: 7.0) den Nominierungsrekord mit stolzen 13 Nominierungen. Den zuvor ebenfalls gehaltenen Rekord von sieben Auszeichnungen musste der Film mittlerweile an die Adam Sandler „Komödie“ „Jack and Jill“ mit 10 Trophäen abtreten. Der in den USA lebende Paul Verhoeven ist bis heute der einzige Regisseur, der es sich nicht hat nehmen lassen der Preisverleihung persönlich beizuwohnen. Süffisant hielt er eine Rede in der er unter anderem anmerkte: 

 

„Meine Filme werden hier kritisiert, weil sie als dekadent, pervers und schmierig gelten. Das bedeutet sicher, dass ich Teil dieser großartigen amerikanischen Gesellschaft bin. Danke!“

 

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