PIQD - Das Internet aus Sicht von „Experten"

Das Portal „piqd" möchte dem internetgeschädigten Leser eine Alternative zu algorithmusbasierten Artikelanzeigen bieten - Grund genug für die Krautzone-Redaktion, die Seite mal genauer unter die Lupe zu nehmen

Habt ihr schon mal was von piqd gehört? Okay, ich auch nicht. Da surfe ich nichtsahnend vor mich hin und auf einmal flackert ein dezenter Teaser auf:

 

„Du hast keine Lust mehr auf schlecht recherchierte Artikel und reißerische Überschriften? Du willst verlässlich und umfassend informiert werden? Bei piqd liefern dir 140 Experten aus Journalismus, Wissenschaft, Politik und Kultur die besten Inhalte. Handverlesen aus nationalen wie internationalen Medien, aus etablierten Zeitungen und nischigen Blogs.“

 

Ich muss gestehen das hört sich tatsächlich ganz interessant an. Keine von Algorithmen geleitete Artikelseifenblase mehr. Statt laufender Bestätigung der eigenen Vorurteile endlich mal objektive und vielschichtige Artikel. Neugierig klicke ich auf die Seite. „Nominiert für den Grimme Online Award“, ist das erste was mir ins Auge springt. Hört sich doch direkt nach Anspruch und Seriosität an. Nach dem Durchstöbern der Timeline stellt sich allerdings leichte Ernüchterung ein. Zwischen Klickfänger- (engl. klickbait) Artikeln wie „Schluss mit dem Schlummern! Warum man die Schlummertaste besser nicht drücken sollte“ oder „Es sind nicht nur Hormone: Teenager sind wegen ihrer Smartphones schlecht drauf.“, findet sich vor allem die obligatorische AfD-Kloppe und eher belangloses à la „Putzen als Passion“. Naja, vielleicht gibt es im Netz einfach zu wenig anspruchsvolle Hintergrundartikel und mit irgendwas muss die Timeline von piqd ja gefüllt werden. Ich beschließe der Seite noch eine Chance zu geben und klicke mit einem letzten Funken Hoffnung auf die Website.

 

Bereits die Themen machen mich stutzig. „Europa“, „Flucht und Vertreibung“, „Feminismen“ und „Klima und Wandel“ springen mir da entgegen. Eine etwas eigenartige Themenauswahl wie ich finde. Warum gibt es keine Rubrik „Maskulinismen“?

 

Mit einer bösen Vorahnung klicke ich auf „Flucht und Vertreibung“. Ich erwarte nichts Gutes. Zu meiner Überraschung lautet die Überschrift des oberen Artikels „Unterm Dach mit einem Flüchtling: Karim, ich muss dich abschieben“. Hui, ziemlich kontrovers der Titel, denke ich mir. Vielleicht ist die Bandbreite an Artikeln ja doch größer als ich befürchtet hatte. Die Verlinkung führt schließlich zu einem Artikel der taz, in dem ein Mann einen syrischen Flüchtling bei sich aufnimmt und anschließend an dessen Faulheit und Desinteresse verzweifelt. Das Ganze ist erstaunlich ehrlich geschrieben und sogar von „Verarsche“ seitens des Flüchtlings und donnernden Streitereien ist die Rede. Allerdings bleibt ein fader Beigeschmack, wenn der Autor während des Textes – trotz der gemachten Erfahrungen – zu einer Lobeshymne auf die Flüchtlingspolitik ansetzt und betont, dass er natürlich(!) wieder Flüchtlinge bei sich aufnehmen würde. Man hat das Gefühl, dass die vermeintliche Offenheit, die der Artikel vorgaukeln soll (Ja, wir sehen die Flüchtlingskrise natürlich auch total kritisch uns so…), letztlich nur als Feigenblatt dient. Trotz der vermeintlichen Kritik bewegt man sich weiterhin brav im bundesdeutschen Meinungsdiskurs. Ja, es gibt Probleme mit der Flüchtlingsaufnahme, aber nein, die Flüchtlingspolitik als solches ist natürlich eine heilige Kuh, die wir uns nicht mal zu berühren anmaßen.

 

Man spricht von vermeintlichen Grautönen (Vielleicht wären Krauttöne besser?

Höhöhö!), die objektiver Journalismus zwischen bösen, menschenfeindlichen

Rechten und ideologisierten Linken vermitteln müsse. In Wirklichkeit handelt es

sich bei diesen Grautönen allenfalls um melierte Weißtöne.

 

Die anderen Empfehlungen im Dossier „Flucht und Vertreibung“ handeln übrigens davon, dass es keine „Bio-Deutschen“ gibt, von „Gutenachtgeschichten für Geflüchtete“ oder der angeblichen Militarisierung der Grenzsicherung. Ein Wunder, wie es trotzdem jeden Monat tausende nach Deutschland schaffen…

 

Piqd ist auf jeden Fall keine Alternative im Algorithmusdschungel von Facebook oder

Google. Es sei denn ihr haltet Vice, bento, und taz für die Speerspitze des deutschen Journalismus und wollt unbedingt noch mehr davon. 

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