Krautfilm des Monats - „Der Höllentrip"

Sind unsere Bewusstseinszustände genauso real wie die Welt um uns herum? Dieser Frage versucht sich Prof. Edward Jessup in „Der Höllentrip" zu nähern.

William Hurt als genialer Wissenschaftler am Rande des Wahnsinns - Quelle: cinema.de

Leider ist der britische Filmregisseuer Ken Russel (1927 - 2011) heute weitestgehend in Vergessenheit geraten, dabei würde sein eigenes Leben schon für dutzende Filme reichen. Auf insgesamt vier Ehen und acht Kinder hat es der umtriebige Brite zu Lebzeiten gebracht, der sich nebenbei noch als Opernregisseur und Romanautor betätigte.

 

Einer seiner letzten Romane, die verstörende Dystopie „Violation“, handelt von einem Großbritannien der Zukunft, in dem der Fußball zur offiziellen Religion erklärt wird und eine diktatorische Fußballherrschaft die Gesellschaft unterdrückt.

 

Scheinbar abwegige oder absonderliche Gedankengänge zeichnen sein Werk aus und vor allem in den 70er und 80er Jahren gab Russel der Filmwelt völlig neue Impulse. Unbändige Fluten von Bildern und Klängen vermischt der gläubige Regisseur mit Sex, Gewalt und religiösen Motiven zu bizarren, faszinierenden, aber bisweilen auch befremdlichen Werken hoher Intensität.

 

Einer seiner zugänglichsten Filme ist das 1980 erschiene Werk „Der Höllentrip“ (Altered States). Die Übersetzung ist etwas irreführend, so lässt sie doch eher einen effekthascherischen Gruselstreifen als eine facettenreiche Reflexion über das Leben erwarten. Um eine solche handelt es sich allerdings bei diesem faszinierenden Werk. Der Film lebt von dem visuellen Einfallsreichtum Russels, der unaufdringlichen, oscarnominierten Filmmusik und dem mitreißenden Schauspiel von William Hurt. Einige von euch kennen den wandelbaren US-Amerikaner wahrscheinlich von seinen beeindruckenden Auftritten in Alex Proyas‘ „Dark City“ oder David Cronenbergs „A History of Violence“. Sein Meisterstück hat er allerdings in dem Film „Der Höllentrip“ abgeliefert, der im Alter von 30 Jahren seine erste Filmproduktion war. Hurt spielt in dem Thriller den aufstrebenden, jungen Psychologieprofessor Edward Jessup, der bereit ist für seine Forschung bis an die Grenzen zu gehen. Auf mitreißende Weise lässt Hurt das Publikum an den schier unbändigen inneren Triebkräften des Wissenschaftlers teilhaben, was dem gebannten Zuschauer eine einmalige Reise durch die Fragen menschlicher Existenz ermöglicht.

 

Jessup vertritt dabei die These, dass innere Bewusstseinszustände

genauso real sind wie die äußere Welt um uns herum

("our other states of consciousness are as real as our waking states.").

 

Um seine Theorie zu erforschen, experimentiert Jessup mit salzwassergetränkten Isolationstanks, die bei ihm starke Halluzinationen und bewusstseinsverändernde Zustände hervorrufen. Nebenbei lässt sich der besessene Jessup mit einer jungen Psychologieprofessorin ein, die er anschließend heiratet. Das Eheleben lässt sich jedoch nur schwer seinem überschwänglichen Forscherdrang unterordnen und so beginnt er mit neuen Experimenten. Er besucht einen okkulten Indianerstamm, der ihn in einer mystischen Zeremonie mit einer geheimnisvollen Drogenmixtur vertraut macht. Nach diesen neuen Erfahrungen beginnt er seine Versuche mit den Isolationstanks immer weiter zu forcieren. Dabei begibt er sich jedes Mal in größere Gefahr und die Grenzen zwischen physischer und psychischer Welt beginnen zunehmend zu verschwimmen. Die Beantwortung nach der Frage der menschlichen Existenz scheint in unmittelbare Nähe gerückt, aber zu welchem Preis?

 

Im letzten Drittel verliert der Film etwas von seiner mitreißenden Kraft und Russels Experimentierfreude scheint ein wenig aus dem Ruder zu laufen. Zudem merkt man dem Film sein Alter von 37 Jahren gegen Ende hin deutlich an. Dennoch bleibt dem Zuschauer eine fast rauschhafte Erfahrung und eine philosophische Reise durch die existenziellen Fragen des menschlichen Seins. Das Ganze ist zudem so spannend und intensiv gemacht, dass euch eure Freundinnen zitternd in den Armen liegen werden. 

 

Autor: Hannes Plenge


Kommentar schreiben

Kommentare: 0